Janna Miller, wie lotsen wir Familien durch komplexe Hilfesysteme?

Shownotes

Wie finden Familien den richtigen Weg durch ein Hilfssystem, das von unterschiedlichen Zuständigkeiten, Anträgen und Fachbegriffen geprägt ist? Und welche Rolle können Verfahrenslots:innen dabei übernehmen?

In dieser Folge von „Irgendwas mit Menschen – der Heilpädagogik-Podcast“ spricht Jennie Cremer mit der Heilpädagogin Janna Miller. Sie arbeitet seit 2023 als Verfahrenslotsin im Kreisjugendamt Rosenheim und begleitet junge Menschen und Familien dabei, sich in komplexen Hilfssystemen zu orientieren.

Im Gespräch geht es um die Schnittstelle zwischen SGB VIII und SGB IX, um Beratung und Begleitung, Vertrauen und Partizipation – aber auch um die strukturelle Aufgabe von Verfahrenslots:innen. Denn ihre Arbeit endet nicht bei der Unterstützung im Einzelfall: Sie können Versorgungslücken sichtbar machen, Veränderungsprozesse anstoßen und dazu beitragen, inklusive Strukturen in Jugendämtern weiterzuentwickeln. * Darum geht es in dieser Folge*

  • Was machen Verfahrenslots und für wen sind sie da?
  • Warum ist die Orientierung zwischen SGB VIII und SGB IX für Familien häufig so schwierig?
  • Was unterscheidet die Beratung durch Verfahrenslots von anderen Angeboten im Jugendamt?
  • Welche Bedeutung haben Vertrauen, verständliche Kommunikation und Partizipation?
  • Wie können Verfahrenslots Familien bei Diagnostik, Betreuung, Wohnen, Arbeit und weiteren Unterstützungsfragen begleiten?
  • Wo liegen aktuell Versorgungslücken und strukturelle Herausforderungen?
  • Welche Rolle spielen Verfahrenslots bei der Weiterentwicklung inklusiver Jugendämter?
  • Was kann die Heilpädagogik mit ihrer Haltung und ihrem Blick auf Vielfalt zu diesen Prozessen beitragen?

Zu Gast Janna Miller ist Heilpädagogin und seit 2023 als Verfahrenslotsin im Kreisjugendamt Rosenheim tätig. Dort berät und begleitet sie junge Menschen und Familien und arbeitet zugleich an strukturellen Fragen rund um Inklusion, Eingliederungshilfe und Jugendhilfe.

Buchtipp von Janna Miller

Axel Brauns: „Buntschatten und Fledermäuse“

Janna Miller beschreibt das Buch als prägend für ihre Studienzeit und verbindet damit wichtige Aha-Momente aus ihrer damaligen Arbeit mit Menschen im Autismus-Spektrum.

Mehr von „Irgendwas mit Menschen“

Weitere Folgen und Informationen zum Heilpädagogik-Podcast findet ihr auf der Webseite des Berufs- und Fachverbandes Heilpädagogik (BHP) e. V.

Fragen, Anregungen oder Themenwünsche? Schreibt uns an podcast@bhponline.de.

Transkript anzeigen

00:00:00: Jennie Cremer: Hallo und herzlich willkommen zu irgendwas mit Menschen, dem Heilpädagogik-Podcast. Schön, dass du heute wieder dabei bist. Ich bin Jennie Cremer und freue mich, diese Folge heute moderieren zu dürfen. In diesem Podcast sprechen wir mit Expertinnen über Themen, die Heilpädagogik in Gesellschaft, Praxis und Politik bewegen. In unserer heutigen Folge sprechen wir über Heilpädagogin als Verfahrenslotsin. Es geht um die inklusive Kinder- und Jugendhilfe, die Schnittstelle zwischen SGB VIII und SGB IX und die Frage, wie Familien besser durch komplexe Hilfssysteme begleitet werden können. Außerdem möchten wir darüber sprechen, welche Rolle Verfahrenslotsinnen in diesem Reformprozess einnehmen, welche Chancen und welche Herausforderungen mit dieser Funktion verbunden sind und welchen Beitrag die heilpädagogische Professionalität dazu leisten kann. Und unsere heutige Gästin: Janna Miller, integrative Heilpädagogin. Ich hoffe, sage das gleich alles so richtig, aber du bekommst gleich noch mal Zeit, das näher zu erläutern. Sie ist seit 2023 als Verfahrenslotsin im Kreisjugendamt Rosenheim tätig. In ihrer Arbeit begleitet und berät sie junge Menschen und Familien, die sich in komplexen Hilfssystemen orientieren müssen. Gleichzeitig aber auch bewegt sie sich fachlich und strukturell als anspruchsvolle Schnittstelle zur Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, kommunaler Verwaltung und auch mit Kooperationspartnerinnen. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt dabei auf der Frage, wie Teilhabe, Beratung und inklusive Strukturen konkret gestaltet werden können. Hallo Janna, schön, dass du da bist.

00:01:31: Janna Miller: Hallo, vielen Dank!

00:01:32: Jennie Cremer: Wir starten direkt mit dem Elevatorpitch. Und zwar stelle ich den Timer auf 60 Sekunden. Wenn du das klingeln oder bimmeln hörst, dann weißt du quasi, dass die Zeit vorbei ist. Und dann hast du diese 60 Sekunden Zeit, eine Frage zu erklären. Die lese ich dir kurz vor und dann starten wir auch schon. Erkläre bitte in 60 Sekunden, was eine Verfahrenslotsin ist und warum es diese Funktion überhaupt braucht.

00:02:01: Janna Miller: Verfahrenslotsen begleiten, beraten und unterstützen Menschen zwischen 0 und 27 Jahren, die eine Behinderung haben oder von einer Behinderung bedroht sind und helfen dabei, sich in diesem Dschungel, wo ich was beantrage, was ich dafür brauche, sich zu orientieren, zu wissen: Wann tue ich welchen Schritt?

00:02:21: Jennie Cremer: Du hast noch 30 Sekunden. Ich glaube, das hatten wir noch nie.

00:02:23: Janna Miller: Ja, schnell reden kann ich.

00:02:27: Jennie Cremer: [unvollständiger Einwurf]

00:02:27: Janna Miller: [unklar: „machen?“]

00:02:28: Jennie Cremer: Ja, sehr gut. Wir können ja jetzt gerne noch weiter darüber sprechen. Mich würde zum Beispiel interessieren, wie war dein Weg zu der Funktion als Verfahrenslotsin? Gab es in deinem beruflichen Werdegang spezielle Stationen oder fachliche Erfahrungen, die den Blick auf diese Aufgabe genau gerichtet haben.

00:02:47: Janna Miller: Ich habe als erste Stelle nach dem Studium, da hat quasi der Abschluss des Studiums, war zeitgleich mit dem Bundeslandswechsel von Hessen nach Bayern und ich habe mir unterschiedliche Einrichtungen in Bayern angeguckt als mögliche Arbeitgeber und habe festgestellt, dass 2009 Inklusion und so ganz frisch aus dem Studium eine sehr konkrete Vorstellung davon, was Inklusion ist und was nicht. Ich in großen Einrichtungen hier nicht glücklich werde und dann tat sich eine Stelle im Jugendamt damals in Ebersberg auf und ich dachte mir, Wer weiß, so eine Behörde von innen zu kennen, kann ja vielleicht irgendwann hilfreich sein. Meine erste Stelle dort war eine Stelle als Gemeinde- oder Jugendpflegerin und Jugendschützerin. Also zwei Bereiche, mit denen ich im Studium überhaupt gar nichts zu tun hatte. Bin dann dort irgendwann in die Trennungs- und Scheidungsberatung gewechselt. Habe ich auch im Studium nichts mit zu tun gehabt, aber ich habe es total interessant gefunden, die Strukturen im Jugendamt kennenzulernen. Und tatsächlich ist es so, dass bei der Stelle, die ich jetzt habe, [unklare Passage zur Jugendamtsleiterin und zur politischen Tätigkeit]. Ich habe im Jugendhilfeausschuss gesessen und habe [unklares Wort] mit einem meiner zwei Kollegen zusammen, der auch im Jugendhilfeausschuss gesessen hat, meine jetzige Stelle selbst bewilligt. Und als die Stelle dann ausgeschrieben wurde, ist die Jugendamtsleiterin an mir vorbeigegangen vor einer Sitzung und hat gesagt, die Stelle ist ausgeschrieben, ich erwarte deine Bewerbung. So bin ich ins Kreisjugendamt Rosenheim gekommen. Damals war ich bei einem Träger beschäftigt und in der ambulanten Eingliederungshilfe für erwachsene Menschen tätig und habe dort meine liebste Lieblingskollegin einfach mitgenommen. Die ist mit mir zusammen ins Kreisjugendamt gewechselt. Von daher auf jeden Fall.

00:04:34: Jennie Cremer: Schön. Grüße gehen raus an die liebste Lieblingskollegin. Schön. Ich habe so ein paar Randinfos. Und zwar weiß ich, dass Rosenheim und ganz Bayern da quasi Vorreiter war. Ich will Thüringen nicht zu nahe treten, denn die haben auch schon früher mit einem Projekt begonnen, was quasi die Verfahrenslotsen 2022 bzw. 2023 bei euch ins Leben gerufen hat. Kannst du ein bisschen was dazu sagen?

00:05:01: Janna Miller: Genau, das hat an manchen Stellen auch schon Ende 22 angefangen. Die zwei Kolleginnen aus dem städtischen Jugendamt haben schon Ende 22 angefangen. Wir drei haben Anfang 23 angefangen. Und damals gab es eben ein bayernweites Modellprojekt mit zehn Standorten in ganz Bayern. Und das waren sehr unterschiedliche Jugendämter und auch sehr unterschiedliche Schwerpunkte in der Umsetzung von Verfahrenslotsen. Und die Idee war im Prinzip, Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie Verfahrenslotsen funktionieren können. Das heißt, wir hatten eben zum Beispiel in Rosenheim das Thema Kooperation von einem Stadtjugendamt in einer kreisfreien Stadt Kooperation mit den Verfahrenslotsen des Kreisjugendamtes. Es gab kleine Jugendämter, es gab große Jugendämter, es gab welche, die den Absatz 2 des Paragrafen 10b im SGB VIII im Fokus hatten. Es gab welche, die beides gemacht haben oder welche, die nur den ersten Paragrafen oder sich andere Projekte überlegt haben. Und daraus sind dann Handlungsempfehlungen entstanden, die das Landesjugendamt veröffentlicht hat. Sie haben uns in diesem ersten Jahr 23 unheimlich eng begleitet. Wir hatten viele Austauschtreffen. Das war am Anfang sehr hilfreich, weil wir ja einfach noch nicht so viele Verfahrenslotsen waren und uns immer wieder auch kurz schließen konnten, da wir uns durch diese Austauschtreffen gut kannten. Wie macht ihr das denn eigentlich? Oder ihr habt einen Flyer rausgebracht. Können wir da mal gucken, wie der aussieht? Dürfen wir da irgendwas drinnen von übernehmen oder so? Genau, das war im Prinzip Ziel dieses Modellprojekts, eine Idee davon zu bekommen, wie kann Verfahrenslotsen funktionieren.

00:06:30: Jennie Cremer: Ja, jetzt hast du natürlich gerade schon ein paar Paragrafen genannt. Also Verfahrenslotse klingt ja zunächst erst mal ein bisschen verwaltungsnah, aber gleichzeitig geht es ja in der Praxis darum, Familien, Kinder und Jugendliche mit Orientierung, Beratung und konkreter Unterstützung zu begleiten. Ja, wie würdest du im Kern den Auftrag beschreiben?

00:06:50: Janna Miller: Wir haben in Rosenheim für unseren Flyer eine Illustration entwickelt. Mein Mann ist Kunstlehrer und hat uns die gezeichnet nach unseren Vorstellungen. Ich finde, der kann man das ganz gut erklären, weil Lotsen ja irgendwie so aus dieser maritimen Sprache kommen, also irgendwas mit Seefahrt zu tun haben. Und wir versuchen an dieser Illustration immer wieder zu erklären, worum geht es. Also da ist ein erwachsener Mensch und ein Kind zu sehen. Und neben dran, und die stehen an einem klassischen Steuerrad mit Knubbeln außendran und haben das Steuerrad in der Hand. Und neben dran steht ein Mensch, der die Hand ausstreckt und in eine Richtung zeigt. Und dieser Mensch, der die Hand ausstreckt und in eine Richtung zeigt, das würde ich sagen, sind die Verfahrenslotsen oder die Lotsen. Und bei der Seefahrt ist es ja so, dass die Lotsen sich einfach in gewissen Gebieten total gut auskennen. Das heißt, die wissen, wo sind Untiefen, wo sind Strudel, von wo kommt der Wind, wo wird man hingetrieben? Und das versuchen wir zu sein. Klienten, die zu uns kommen, vorzuschlagen, in welche Richtung es gehen könnte. Aber die Entscheidung, in welche Richtung es geht, müssen sie selber treffen. Das heißt, sie stehen am Steuer und müssen dann letztendlich die richtige Richtung einschlagen. Und das ist, glaube ich, etwas Besonderes auch in den Jugendämtern, dass wir im Prinzip ein freiwilliges Beratungsangebot sind und man kann tun, was wir vorschlagen. Man kann es genauso gut ohne Folgen, aber auch bleiben lassen. Und Wir haben den Anspruch, dass wir uns in den Gewässern, in denen wir unterwegs sind, gut auskennen und den Leuten Ratschläge geben, was man braucht, wo anzulegen. Welche Reihenfolge ist vielleicht sinnvoll, wo mache ich fest? Also, gucke ich, dass ich erst eine Diagnostik bekomme. Oder versuche ich als allererstes, Ausschau zu halten nach Angeboten und stelle dann fest Für das Allermeiste, was ich irgendwie übers Jugendamt beantragen kann oder auch beim Bezirk, brauche ich eine Diagnostik. Also kommen wir dazu, okay, die Diagnostik ist doch der erste Punkt. Da versuchen wir einfach gut zu beraten und zu unterstützen und zum Teil auch einfach zu übersetzen, weil das Ganze ja außerdem dieses breite Feld einfach mit ganz vielen Fachbegriffen gespickt ist und da einfach zu übersetzen, was wann wie zu tun ist oder wäre.

00:09:02: Jennie Cremer: Ja, super, vielleicht brechen wir das noch mal so ein bisschen für mich und auch für unsere Zuhörenden runter. Also es geht um das Sozialgesetzbuch VIII und das Sozialgesetzbuch IX und durch den Entwurf des inklusiven SGB VIII entsteht noch mal eine Schnittstelle. Vielleicht kannst du ganz kurz die beiden Sozialgesetzbücher erklären und was das inklusive SGB VIII quasi als Schnittstelle bedeutet.

00:09:25: Janna Miller: Genau, also im Moment ist es ja so, dass Kinder mit körperlichen, geistigen oder Sinnesbeeinträchtigungen oder einer Mehrfachbehinderung ihre Ansprüche im SGB IX geltend machen können, während Kinder mit einer seelischen Beeinträchtigung die Ansprüche eben über das SGB VIII geltend machen können. Das heißt in Bayern, das kommt noch hinzu, ich bin in Bayern tätig, also in Bayern heißt es einmal das Jugendamt oder Kreisjugendamt. Und wenn es dann nach dem SGB IX geht, sind es in Bayern die Bezirke, wir haben sieben Bezirke in Bayern. Das ist in Bayern und Nordrhein-Westfalen speziell so in allen anderen Bundesländern nicht. Deshalb die Idee, diese beiden Gesetze zusammenzubringen und Eingliederungshilfe und Jugendhilfe miteinander zu verschränken in Bayern und Nordrhein-Westfalen auch noch mal ein größeres Projekt vielleicht als in anderen Bundesländern. Und es geht im Prinzip darum, dass Kinder in Zukunft und das ist die geniale Grundidee dieses Gesetzesentwurfes. Kinder sind Kinder, egal was sie haben oder nicht haben, was sie können oder nicht können, sondern Kinder und Jugendliche gehen für alles, was sie irgendwie an Unterstützung brauchen in ein Kinder-, in ein Jugendamt. Und in Bayern und Nordrhein-Westfalen ist das eben im Moment anders. Da gehen manche ins Jugendamt und andere gehen zum Bezirk. Und dann ist es absolut Spannend, dass es ja einfach auch Kinder gibt, bei denen diese Abgrenzung nicht so einfach möglich ist. Im Moment gilt aber uns ja der IQ von 70. Das heißt, Kinder mit einem IQ über 70 haben die Zuständigkeit im SGB VIII und im Jugendamt, während Kinder mit einem IQ unter 70 die Zuständigkeit beim Bezirk im SGB IX haben. Jetzt weiß man aber ja, dass Intelligenz-Testungen oft unterschiedlich ausfallen, je nach Tageszeit, Verfassung und einfach tagesaktueller Form. Und ein Wechsel zwischen diesen beiden Systemen kann unglaublich aufwendig sein. Sicherlich in Bayern und Nordrhein-Westfalen noch mal aufwendiger als in anderen Bundesländern. Und von daher ist die Problematik im Prinzip die, dass es im Moment zwei Systeme gibt, die auch noch ganz unterschiedliche Verfahren haben. oder zumindest in der Vergangenheit sehr unterschiedliche Verfahren hatten. Und die Idee ist eben, diese komplexen Hilfesysteme miteinander zu verschränken und Leute nicht mehr mit dem einen IQ hier hin und mit dem anderen IQ dahin zu schicken, sondern wirklich eine Anlaufadresse zu haben und an diese Anlaufadresse möglichst auch nicht dann nach der Eingangstür sich wieder sortieren zu müssen. Ich habe das mal so erklärt, ihr gesagt habt, ja, Inklusion wäre, wenn alle durch die Eingangstür des Landratsamtes, Kreisjugendamtes reingehen und dann zu ihrer zuständigen Person finden. Wenn sie aber links rumgehen müssen, weil sie dem SGB VIII zugeschrieben werden oder rechts rum, weil sie ins SGB IX fallen, dann ist das allenfalls Inklusion, weil sie vorne durch die erste Tür gemeinsam gehen, aber sich dann doch wieder sortieren müssen. Das heißt aber natürlich auch eine mega Herausforderung für die Jugendämter, weil sie einfach einen ganzen Bereich Menschen und Hilfen eventuell dazu bekommen, mit dem sie bisher nichts zu tun hatten. Ich hoffe damit so ungefähr skizziert zu haben, wie groß die Herausforderung dieses Transformationsprozesses ist.

00:12:32: Jennie Cremer: Also, ist... Ja, wir bröseln das noch mal auf. Also, man hört es schon raus, ein bürokratischer Dschungel. Und man muss dann quasi als Eltern verstehen, was für Hilfen gibt es überhaupt? Was steht mir zu? Und oftmals würde ich behaupten, scheitert es schon an den Barrieren, dass die Anträge gar nicht erst gestellt werden, weil man gar nicht weiß, was einem überhaupt alles zusteht. Und weil da halt eben auch einfach... die Kommunikation fehlt und von einem zum nächsten geschickt wird. Ich glaube, das ist dann eure Stelle oder das ist dann quasi diese Schnitt- und Funktionsstelle. Kannst du das vielleicht noch mal, du hast es eben schon so schön bildlich beschrieben, das vielleicht noch mal so ein bisschen bildlich für unsere Zuhörer zu beschreiben, wie sieht so ein typischer Alltag bei dir aus? Vielleicht kommen wir dann so ein bisschen dahinter.

00:13:25: Janna Miller: Da wir zu dritt in einem Büro sitzen und dafür sind wir unglaublich dankbar, weil es gibt ganz viele Verfahrenslotsen, die sitzen zum Teil in großen Jugendämtern ganz alleine da und haben eine unglaublich spannende, aber auch ganz breite Aufgabe. Wir drei sind unheimlich dankbar dafür, dass wir zu dritt sind und wir tauschen uns ganz viel aus, weil wir alle drei auch aus unterschiedlichen Ecken kommen, also beruflich, professionell aus unterschiedlichen Ecken und ergänzen uns super. Das heißt oft ist es so, dass wenn jemand am Abend noch einen Hausbesuch hatte oder ein Gremium, Rundentisch oder so, wir uns kurz darüber austauschen. Dann ist es so, dass wir relativ viel über E-Mail kommunizieren, Termine vereinbaren, Dokumente hin und her schicken für Fragen nach Diagnostiken, wenn wir die vielleicht selber lesen wollen, zu gucken, was steht denn wirklich genau? Außerdem ist es so, dass wir alle drei Teilzeit beschäftigt sind. Das heißt, per E-Mail erreicht man uns am besten. Das heißt, wir kommunizieren relativ viel per E-Mail. haben die Telefone an. Da geht es zum Teil auch viel zu. Wir erleben, dass es Schwankungen gibt. Manchmal sind die Sommerferien oder Ferien sehr ruhig und man hat Zeit, was abzuarbeiten. Manchmal haben andere Menschen in den Ferien aber auch gerade Zeit zum Telefonieren und es geht erstaunlich rund. Wir haben Teamsitzungen, wir drei mit unserer Jugendamtsleitung. Wir sitzen aber auch eben mit dem Team der Eingliederungshilfe im Jugendamt so circa alle acht Wochen zusammen. Dann sind wir auch noch regional aufgeteilt. Das heißt, wir haben nach unseren Regionen Treffen und versuchen uns gegenseitig aufzuschlauen. Was gibt es wo? Wer weiß von was? Und dann finden einfach Beratungsgespräche statt. Die finden zum Teil bei uns im Landratsamt statt. Aber der Landkreis Rosenheim ist ein Flächenlandkreis. Das heißt, wir sind tatsächlich auch ziemlich viel in Hausbesuchen unterwegs oder aber an so runden Tischen. Es gibt Probleme in der Schule und alle, die irgendwie etwas zum Thema beitragen könnten, sind eingeladen und man trifft sich zum Beispiel an der Schule oder im Kindergarten oder wir haben Kooperationstreffen. Das hatten wir am Anfang natürlich ganz viel uns selber ein Bild zu machen was gibt es denn alles für Träger was gibt es für Angebote und denen auch vorzustellen was wir machen das wird jetzt ein bisschen weniger wobei es manche Kooperationspartner gibt mit denen wir einfach auch gemerkt haben es ist gut wenn wir uns zum Beispiel einmal im Jahr austauschen und austauschen was hat sich verändert welche Trends bemerken wir, haben wir irgendwo eben und da kommt man zu dem anderen Bereich, mit dem wir zu tun haben, Versorgungslücken. Wie können die vielleicht behoben werden? Wo muss man überhaupt hin, wenn man entdeckt hat, dass es eine Versorgungslücke gibt? Wer kann da und dann steht natürlich das lästige Dokumentieren und Statistikführen auch noch auf dem Programm.

00:16:05: Jennie Cremer: Du hattest eben schon Eltern erwähnt. Welche Menschen rufen dich in der Regel so an oder kommen vorbei und haben ein Anliegen?

00:16:12: Janna Miller: Es sind tatsächlich viele Eltern, manchmal Großeltern oder andere Verwandte und bei jungen Erwachsenen tatsächlich auch junge Erwachsene selbst, die anrufen.

00:16:23: Jennie Cremer: Okay, wie sieht es bei Pädagog:innen und Lehrkräften aus?

00:16:27: Janna Miller: Im Paragrafen steht drin, dass wir diese nicht beraten. In der Praxis sind diese Menschen ja oft Brückenbauern, sagen ich habe hier eine

00:16:33: Jennie Cremer: In der Praxis.

00:16:37: Janna Miller: Familie, aber die haben gehört ihr seid am Jugendamt und die wollen nicht so wirklich bei euch anrufen. Und was machen wir denn dann? Dann ist es manchmal so, dass ich frage, wie wäre es denn, wenn ich einfach zu einem gemeinsamen Termin zum Beispiel im Kindergarten komme und Sie als Brückenbauer:in zu uns agieren und ich erklären kann, dass wir ein freiwilliges Angebot sind und dass man sich anhören kann, was für Ideen ich habe. Und wenn man sagt, das ist nichts, ich kann die Frau nicht leiden oder sonst wie man es auch bleiben lassen kann. Das hilft ganz oft.

00:17:07: Jennie Cremer: Und mit welchen Anliegen kommen die Familien dann zu dir? Also, du wirst jetzt nicht alle Anliegen sagen können. Was kommt häufig vor?

00:17:15: Janna Miller: Also ein großer Trend im Moment sind Familien, die einen Migrationshintergrund haben, wo die Eltern nicht muttersprachlich Deutsch sind, Kinder vielleicht schon eine Diagnose haben oder auch noch nicht und zum Beispiel einen Versuch gestartet haben mit einer Eingewöhnung im Kindergarten. Die Eltern dann gesagt kriegen, das geht nicht, der geht hier über Tische und Bänke, der hört nicht auf seinen Namen. Da ist jemand, der braucht viel mehr Unterstützung. Das funktioniert so nicht. Wir versuchen eben zu gucken, gibt es schon eine Diagnostik, wo genau liegt das Problem und sprechen mit den Kindergärten zum Beispiel und versuchen zu eruieren, ob es vielleicht Kindergärten mit einem anderen Angebot, heilpädagogische Tagesstätte oder so gibt, die besser geeignet wäre. Also das ist ein großer Bereich, dass man Familien dabei unterstützt, die richtige Betreuung zu finden. Auch Nachmittagsbetreuung, das kommt jetzt auch immer mehr. Gerade von Alleinerziehenden, zum Beispiel in den Ferien. Es gibt tatsächlich auch einen kleinen Trend jetzt so seit dem letzten Jahr, dass vermehrt junge Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen sich melden, die einfach Fragen haben, wie das irgendwann mit dem Wohnen sein kann, welche Unterstützungsmöglichkeiten es da gibt, die zum Thema Beruf, was kann ich von der Bundesagentur für Arbeit bekommen, sich mit solchen Themen melden. Sowieso das Thema Wohnen für junge Erwachsene ist auch immer wieder ein Thema. Also auch wenn zum Beispiel Menschen, junge Menschen bald 18 werden, da so die Vermittlung zum Beispiel in die Betreuungsstelle bei uns im Haus, wenn Leute eben nicht selber geschäftsfähig sein können oder einfach in gewissen Bereichen Betreuung, rechtliche Betreuung brauchen. Ja, das würde ich sagen, sind die größten Themen eigentlich.

00:19:06: Jennie Cremer: Ja, ich glaube, wir greifen ganz kurz das Wort Trend noch mal auf. Ich weiß, dass du das nicht diskriminierend meinst, weil wir das im Vorfeld schon mal besprochen haben. Da geht es mehr darum, welche Anliegen werden gerade gesehen und wahrgenommen und teilweise eben auch richtig verstanden, aber teilweise werden auch aufgrund von verschiedenen intersektionalen Kriterien, wie halt eben Migration und in einer Überschneidung. wird dann oft ein Trauma verkannt und wird das dann halt eben als Behinderung klassisch Behinderung klassifiziert und dahingehend sind dann halt einfach das, was du, glaube ich, mit „Trend“ meintest. Ja, ist auch noch mal ein Thema für sich, worüber man ausgiebiger sprechen muss und kann. Genau, aber einfach da noch mal zur Klarstellung. Ja, was würdest du sagen, sind die größten Herausforderungen, die vielleicht auch immer wieder auftreten?

00:20:01: Janna Miller: tatsächlich wenn man Familien hat, die für sich klar das Bild haben, dass ihre Kinder keine integrative oder vielleicht sogar inklusive Lösung in einem Regelkindergarten brauchen, sondern eine Spezialeinrichtung, sage ich mal, und die Plätze bei uns aber unheimlich begrenzt sind und es oft fast unmöglich erscheint, da einen Platz zu bekommen, dass Eltern dann einfach unheimlich frustriert sind, zu Recht frustriert sind. weil sie sehen, Mensch, da wäre eine Einrichtung, glauben, das wäre die geeignete, aber irgendwie das Gefühl, es führt keinen Weg da rein und das kann doch nicht sein. Das müssen auch andere auch sehen, dass das die einzige oder eventuell die optimale Lösung für unser Kind ist oder optimale Lösung ist. Und das ist natürlich als Eltern immer schwer, nicht mit optimalen Lösungen, sondern vielleicht mit zweitbesten Lösungen irgendwie für das eigene Kind zu leben. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Also dieses Man würde vielleicht noch die richtigen Bescheide bekommen, aber es fehlen einfach die Plätze. Das ist so aussichtslos ein Stück weit und sicherlich herausfordernd. Aber mir ganz viel Freude machend ist die Kooperation mit Kolleginnen im Jugendamt, weil wir sind ja eine ganz neue Stelle und wir haben immer eine offene Tür gehabt und das war toll. Am Anfang kamen Kolleginnen und haben Probleme geschildert und das war allermeistens so, dass wir dazu sagen konnten Ja, da habe ich eine Idee zu. Pass auf, ruf doch mal da an oder schau doch mal da. Ich schicke dir eine Mail mit ein paar Links oder so. Manchmal kamen auch Anfragen vorbei, wo wir sagen mussten, das klingt eher so wie allgemeine Lebensberatung, die machen wir eher nicht. Und dadurch, glaube ich, haben wir bei uns im Haus ziemlich schnell, haben Kolleginnen verstanden, wobei man uns fragen kann und dass man uns sowieso immer irgendwie fragen kann. auf der anderen Seite ist es aber so, dass manchmal eben dann auch Klienten sagen, jetzt haben wir schon das erste Gespräch miteinander geführt und jetzt sollte ich ein Gespräch mit jemandem anders im Jugendamt führen, ich hätte sie gerne dabei. Und dann ist vielleicht eine Kollegin oder ein Kollege ein bisschen skeptisch. Aber ja, das ist das erste Beratungsgespräch. Und wenn wir da gleich mit Zweifachkräften sitzen und finden, das nicht ein bisschen viel. Und da habe ich gerade in letzter Zeit total erfreuliche Erfahrungen gemacht, dass ich einfach Kollegen noch mal erklärt habe. Du, pass auf, aber genau das steht in meinem Paragrafen drin. Genau das steht drin, dass ich Leute, die sich Begleitung bei einem Gespräch wünschen, das von mir bekommen können. Und ich kann ja noch mal genau erklären, was meine Rolle ist. Und dann kommt aber manchmal: Und dann kommt manchmal aber so, ja, aber wenn du dann jetzt anderer Meinung bist, wenn du findest, da braucht es eine Hilfe und ich sehe aber den Bedarf nicht. Was dann? Indem du das jetzt gerade gesagt hast, ist doch der erste Schritt schon getan. Wir reden darüber. Und wenn du den Bedarf nicht siehst, dann überlegen wir gemeinsam. Wenn die Klientin trotzdem findet, es braucht eine ähnliche Unterstützung, dann überlegen wir gemeinsam, was es stattdessen sein könnte und wie wir dahin kommen. Also genau das ist unsere Aufgabe. Und das finde ich total spannend, wenn Leute Konflikte befürchten und wir aber durch gute Kommunikation genau das verhindern können. Also, es ist herausfordernd und klar haben wir manchmal andere Meinungen als unsere Kollegen. Aber dann ja es ist einfach unsere Aufgabe zu gucken. Okay wer hat wo irgendwas nicht verstanden oder wo fehlt irgendeine Info das so verstehen zu können wie wir das vielleicht verstehen.

00:23:09: Jennie Cremer: Vielleicht gehen wir noch auf den Punkt ein: Was unterscheidet die Beratung der Verfahrenslotsin von einer klassischen Beratung, die man am Jugendamt in Anspruch nehmen würde.

00:23:20: Janna Miller: In dem Paragrafen 10b im SGB VIII, der unsere Arbeit beschreibt, steht eben drin, dass wir eine unabhängige Beratung bieten. Das heißt, wir sind zum Beispiel sehr sparsam, was die Datenerhebung angeht. Können wir auch sein, weil wir keine Hilfen gewähren. Also ich brauche kein Geburtsdatum. Mir reicht das, wenn jemand sagt, ich bin gerade so und so alt. Und von daher glaube ich, dass da oft ein vertrauensvolleres Verhältnis entstehen kann und mehr Offenheit in den Beratungen, weil man von uns nicht befürchten muss, dass wir diejenigen sind, die sagen, aber weil sie das und das gesagt haben, lehne ich etwas ab. Wir sind so ein bisschen wie eine Interessenvertretung, nicht anwaltlich, aber da finde ich wieder dieses Bild ganz gut. Wir stehen neben den Leuten am Steuerrad. Wir stehen ihnen nicht gegenüber. Und ich glaube, das ist wichtig. dass unsere Klient:innen wirklich das Gefühl haben: Da steht jemand neben mir und der geht mit mir in die Richtung, die ich letztendlich sage, die ich einschlagen will.

00:24:20: Jennie Cremer: Ja, Ich frage mich: Welche Rolle spielt Vertrauen? Also oftmals haben die Familien beim Jugendamt ja schon eine längere Geschichte mit den jeweiligen Mitarbeitern. Positiv oder negativ gibt es glaube ich in beide Richtungen. Aber Vertrauen spielt, glaube ich, generell in unseren Arbeitsfeldern immer eine große Rolle. Jetzt hast du gesagt, das ist bei euch nicht so und es ist eher niedrigschwelliges Angebot dahingehend, was natürlich auch Barrieren wieder abbaut. Aber wie sieht es mit der Vertrauensbasis aus?

00:24:51: Janna Miller: Wir haben, wenn immer wir mit irgendjemandem im Jugendamt reden wollen, brauchen wir eine Schweigepflichtentbindung und wir können die sehr explizit auslegen, also auch zu sagen, okay, sie können mit einem Kollegen telefonieren, aber nur dieses eine Thema Und ich glaube, durch die Profession, die wir drei alle mitbringen und unsere Erfahrung aus vorherigen Tätigkeiten ist so, dass Man spürt schnell, da ist jemand, anerkennt, was ich zum Beispiel bisher schon geleistet habe. Also das erlebe ich oft, dass es gerade Mütter sind, die anrufen und mir schildern, was sie alles schon getan haben und ich dann noch mal nachfragen und sie haben außerdem noch einen halben Job. Das, was sie gerade beschrieben haben, klingt schon nach einer ganzen Stelle. Also so dieses Ich glaube, das ist die Fähigkeit, die wir haben, anzuerkennen. Wir wissen alle, dass ein Kind mit einer Beeinträchtigung zu haben wie ein Job ist, weil Leider ist es immer noch so, dass nichts automatisch flutscht. Man kann ein Kind meistens nicht einfach so im Kindergarten anmelden, meistens nicht einfach so im Sportverein, sondern muss immer erklären, man muss immer ausholen. Irgendwie ist es immer noch immer besonders. Und das zehrt an Eltern und es ist anstrengend und das Gefühl, diese Geschichten immer wieder erzählen zu müssen. Also das ist uns auch so bewusst, dass wir versuchen, ressourcenschonend umzugehen und sagen Okay, jetzt haben Sie mir die ganze Geschichte erzählt. Wenn Sie wollen, rufe ich an den weiteren Stellen zum Beispiel an oder spreche mit den weiteren Stellen, damit Sie die Geschichte jetzt nicht noch zigmal erzählen müssen, weil das ja was mit Eltern macht, das immer wieder ausrollen zu müssen. Und ich glaube, dass wir da einfach die Fähigkeit haben, schnell deutlich zu machen, dass man bei uns ein Stück weit ankommen kann, dass einem zugehört wird und dass wir einfach dadurch, dass wir Interessenvertretung sind. einfach zusichern, Wenn Sie das Gefühl haben, Sie brauchen etwas, dann unterstützen wir Sie dabei. Und da kommt natürlich noch eine andere Herausforderung dazu. Natürlich haben wir selber auch eine fachliche Einschätzung. Wenn jemand kommt und sagt, ich brauche unbedingt eine Haushaltshilfe. Und ich aber höre, was dieser Mensch noch so alles macht zum Beispiel. Und ich wirklich Bedenken habe, dass ich denke, eher eine Putzfrau hätte ich schon auch gerne. Aber also ist die Indikation dafür jetzt wirklich da? Also das ist ein unheimlich spannendes Feld, finde ich, auch zwischen dieser Interessenvertretung und der eigenen Professionalität und der Einschätzung der Situation. Aber das auch einfach kommunizieren zu können. Und damit habe ich total gute Erfahrungen gemacht, Menschen, die anrufen, auch einfach ehrlich meine Einschätzung sagen zu können und zu gucken, wie können wir dann weiterarbeiten? Nur weil ich es anders sehe, ist ja die Empfindung des Klienten nicht weg. Aber man muss es vielleicht noch mal anders kommunizieren und gucken, was man daraus macht.

00:27:25: Jennie Cremer: Ja, also es geht ja Teilhabe. Welche Bedeutung oder welche Rolle hat Partizipation in dem Prozess?

00:27:31: Janna Miller: Also für uns eine total wichtige Rolle, wenn es irgendwie möglich, sinnvoll ist, sprechen wir gerne nicht nur mit den Leuten, die bei uns Rat suchen, sondern auch mit denen, die es betrifft. Und das passiert ganz oft automatisch, da wir so viele Hausbesuche machen, weil das ja einfach für diese Familien oft sehr angenehm ist, wenn sie nicht die meistens schon eher längeren Strecken zu uns in die Stadt Rosenheim sondern wir raus in den Landkreis fahren. Außerdem ist es dann möglich, dass die Kinder zu Hause sind und man nicht irgendwie extra eine Betreuung organisieren muss. Von daher erleben wir ganz viele Familien in alltagsähnlichen Situationen. Und das macht natürlich viel, was den Eindruck von der Situation und vom möglichen Unterstützungsbedarf betrifft. Und ab einem gewissen Alter, das variiert natürlich auch immer so, wer welche Beeinträchtigung hat. gehört es auf jeden Fall dazu, mit den Menschen selbst zu sprechen, also mit Jugendlichen selber zu sprechen. Das macht mir auch total viel Spaß und ist echt spannend.

00:28:32: Jennie Cremer: Hast du auch manchmal das Gefühl, dass Jugendliche oder Familien in diesem Hilfssystem die Orientierung verlieren?

00:28:36: Janna Miller: Ja, das ist auch nicht schwer. Das ist auch nicht schwer in dem System oder in Systemen die Orientierung zu verlieren, weil man vielleicht, wenn es eine Diagnose gibt von lauter Seiten, irgendwas zugeworfen kriegt, versucht selber zu recherchieren und sich dann in diesen ganzen Fachsprachen irgendwie verstrickt und nicht weiß, was muss man dann jetzt als erstes machen, schließt sich irgendwas von dem, was man irgendwo gesagt hat, vielleicht sogar gegenseitig aus oder so. Das ist nicht schwer. Und da ist es oft wirklich so eine Sortierarbeit mit den Leuten. Also ich hab oft, wenn ich weiß, okay, wir haben mehrere Themen irgendwie, angesprochen werden. Oft ein großes DIN-A3-Blatt Papier dabei und bunte Eddings, sodass wir Themen in unterschiedlichen Farben markieren können und auf einem Plakat, das ich hinterher auch noch kopieren kann und das man sich an Kühlschränken hängen kann, Aufgaben aufteilen kann. Wer kümmert sich welches Thema, in welchem Zeitrahmen und was haben wir denn alles für Themen, macht außerdem anschaulich, wie groß diese Aufgabe ist. unter Umständen einen heranwachsenden Menschen da einfach zu begleiten.

00:29:35: Jennie Cremer: schon gesagt, dass die Kommunikation und die Sprache auch eine ganz ganz wichtige Komponente ist. Wie wichtig ist das für die Teilhabe der Menschen, der Prozess, dass sie den kompletten Prozess und eben auch komplett eure Aufgabe und eure Rolle in diesem Prozess verstehen.

00:29:53: Janna Miller: Das ist total wichtig, aber auch herausfordernd, das wirklich gut rüberzubringen, weil ja in ganz vielen Köpfen leider immer noch so dieses Ding drin ist, mit dem Jugendamt will man lieber nichts zu tun haben. Und mir ist es schon passiert, dass ich bei einer Familie auf dem Sofa sitze, schon eine halbe Stunde mit der Mutter gesprochen habe, der Vater kommt nach Hause, die Eltern gehen kurz in Flur, der Vater kommt wieder rein und Sie sind Jugendamt? Und die Mutter mir hinterher aber eine E-Mail schreibt und sagt, mein Gott. wie genial, dass wir sie gefunden haben. Und endlich habe ich was verstanden und jetzt weiß ich, wie es gehen kann. Das hört sich so komisch an, aber manchmal denke ich, wir Verfahrenslotsen sind auch eine Chance der Imagepflege des Jugendamtes, weil wir eben ja, wir sind so ein bisschen zahnlose Tiger, weil wir nichts bewilligen, nichts ablehnen, keine Kinder wegnehmen können. Also, wir stehen einfach den Leuten mit allem, was wir wissen, zur Seite. Aber sind nicht dafür verantwortlich, dass es eine Hilfe gibt oder nicht. Oder dass irgendwie eine brenzliche Situation eintritt oder so?

00:30:50: Jennie Cremer: Würdest du sagen, sind auch so die größten Missverständnisse, die dir begegnen oder mit denen du konfrontiert wirst, dass dir diese Rolle quasi zugesprochen wird?

00:31:00: Janna Miller: Ich glaube, das merken die Leute ganz schnell daran, wie wir mit ihnen reden und wie wir ihnen gegenübertreten, dass wir nicht die sind, die irgendwie gefährlich sind oder unangenehm sind oder so. Und wenn das doch der Fall ist, passiert natürlich manchmal trotzdem, dass man Klient:innen hat, die einfach mit dem Telefonat auflegen, weil sie stinkig sind oder so, dann ist es oft ein Missverständnis und zum Teil einfach auch kulturelle Missverständnisse, weil man nicht hat erklären können, wie das bei uns funktioniert. Also zum Beispiel ist es manchen Leuten nicht verständlich, dass man Kinder an allen Kindergärten, heilpädagogischen Tagesstätten, alles, was einem so einfällt, rundherum anmeldet und dann darauf hofft, dass man irgendwo einen Platz kriegt, weil das in anderen Ländern zum Beispiel anders organisiert ist. Und wenn man ein Kind irgendwo anmeldet, dann wird man da genommen und kriegt einen Platz. Das ist für Eltern verwirrend, dass sie ähnliche Formulare für 7, 8 Einrichtungen ausfüllen müssen und hinterher Rückmeldung kriegen. Hier werden sie nicht genommen, hier kriegt ihr Kind keinen Platz und hier auch nicht. Das sind aber oft dann einfach kommunikative oder sprachliche Barrieren, wo wir es nicht geschafft haben, gut zu erklären, was wir können oder was wir nicht können. Also ich kann keine Überholspur bieten. Das ist manchmal so der Versuch zu sagen, wenn ich die Verfahrenslotsin mit im Boot habe und an irgendeiner Stelle taucht deren E-Mail-Adresse auf, dann geht vielleicht irgendwas schneller oder besser. Das funktioniert, ich sage es Gott sei Dank, meistens nicht. weil das wäre auch für die Systeme irgendwie wieder ungut, wenn es tatsächlich für manche Menschen oder E-Mail-Adressen Überholspuren gäbe.

00:32:26: Jennie Cremer: Das klingt auch, als hätte man oder als hätten die Menschen teilweise Erwartungshaltung an deine Rolle, die in der Praxis kaum erfüllbar sind.

00:32:33: Janna Miller: Aus Frust heraus, ja, das ist nicht boshaft oder so, sondern einfach aus dem Frust heraus und aus der Verzweiflung heraus irgendwie nicht das Passende zu finden.

00:32:41: Jennie Cremer: Ich mache mal einen Schwenker zu einem anderen Thema, beziehungsweise, es ist dasselbe Thema, aber noch mal in eine andere Richtung. Was glaubst du, müsste sich verändern, damit die Verfahrenslotsen nicht nur als Übergangslösung verstanden werden, sondern als fachlich wichtige Struktur im inklusiven Hilfssystem.

00:32:58: Janna Miller: Ja, die Frage ist insofern tricky, weil mit diesem neuen Gesetzesentwurf ja im Prinzip die Frage ist, da gibt es ja so etwas, das heißt Länderöffnungsklausel. Das heißt im Prinzip, dass Bayern und Nordrhein-Westfalen in diesen Gesetzesentwurf hineinverhandelt haben. Ja, ihr könnt das alle machen, aber ob wir bei uns tatsächlich SGB VIII und SGB IX so zusammenwachsen lassen, wie sich das die meisten wünschen und vorstellen. Schauen wir mal. Am Anfang war das ja einfach nur eine zeitliche Geschichte, dass die beiden Bundesländer sich im Prinzip mehr Zeit erwünscht haben, weil sie gesagt haben, das sind bei uns andere Strukturen, das kriegen wir so schnell nicht hin wie andere Bundesländer. Und jetzt im Referentenentwurf hat die Länderöffnungsklausel keine zeitliche Komponente mehr. Das heißt, wenn die Länder tatsächlich Gebrauch davon machten, diesen Prozess hinauszuziehen. dann braucht es uns weiter, weil dann fällt die Aufgabe des Zusammenwachsens ja nicht weg. Weil die Idee war ja, dass es Verfahrenslotsen gibt, die diesen Prozess der Transformation des Zusammenwachsens von Eingliederungshilfe und Jugendhilfe begleiten. Wenn aber dieses Zusammenwachsen nicht so stattfindet, wie das Gesetz das ursprünglich wollte, dann können wir ja nicht wegfallen. Dann wird es uns weiter brauchen, weil es weiterhin diese Probleme dieser zwei Systeme hat. Wenn von der Länderöffnungsklausel Gebrauch gemacht würde, braucht es Verfahrenslotsen sowieso weiterhin. Und ich glaube, was außerdem einfach für uns spricht oder zeigt, dass wir Bedarf haben, wir haben eine unheimlich hohe Nachfrage. Also gerade bei uns im Landkreis Rosenheim haben wir Fallzahlen, die sind Wahnsinn. haben zeitweise, können wir nicht unsere eigenen Regionen bedienen, sondern helfen uns gegenseitig aus, weil es mal in einer Region gerade so viele Anfragen gibt, dass man das nicht alleine bearbeiten kann. Das zeigt ja einfach: Der Bedarf ist da. Die Leute freuen sich, endlich jemanden gefunden zu haben, bei dem sie all diese Fragen loswerden können und die mit ihnen gemeinsam durch diesen Dschungel gehen. Davon können wir uns im Moment schwer vorstellen, dass wir den Zeitpunkt, an dem es tatsächlich dazu kommt, dass man sagt, jetzt wissen alle, wie es geht, die Systeme sind so gut miteinander verflochten, es braucht keine Verfahrenslotsen mehr. Also gerade in Bayern scheint der Augenblick oder diese Situation weit, weit weg, ehrlich gestanden.

00:35:13: Jennie Cremer: Ja, vielen Dank. Du hattest eben schon mal das Wort tricky erwähnt. Das möchte ich direkt aufgreifen und ein Spiel mit dir machen und ein paar Spannungsfelder noch ein bisschen zuspitzen. Jetzt geht es nicht um zwei Systeme, jetzt geht es um zwei Begriffe. Also ich nenne dir immer zwei Begriffe und du darfst dich spontan für einen der beiden entscheiden. Du hast einen Joker, das bedeutet, du darfst einmal beide Begriffe wählen oder keinen von beiden. Eine Begründung ist nicht notwendig. Am Ende des Spiels, wenn du dann gerne noch was näher erläutern willst, können wir dann noch mal drauf eingehen und ausführlicher darüber sprechen. Bist du bereit? Okay. Einzelfallhilfe oder Strukturentwicklung?

00:35:51: Janna Miller: [Antwort unklar]

00:35:54: Jennie Cremer: Okay, Beratung oder Begleitung?

00:35:58: Janna Miller: Begleitung!

00:35:59: Jennie Cremer: Nähe oder professionelle Distanz.

00:36:03: Janna Miller: professionelle Distanz.

00:36:04: Jennie Cremer: [Frage/Begriffspaar im Ausgangstranskript unverständlich.]

00:36:10: Janna Miller: Lebenswelt.

00:36:12: Jennie Cremer: Partizipation oder Zuständigkeit?

00:36:15: Janna Miller: Partizipation.

00:36:16: Jennie Cremer: Reformtempo oder Sorgfalt?

00:36:19: Janna Miller: Reformtempo.

00:36:22: Jennie Cremer: Schnittstelle klären oder Systeme zusammenführen.

00:36:24: Janna Miller: Systeme zusammenführen.

00:36:27: Jennie Cremer: Kommunale Steuerung oder individuelle Unterstützung.

00:36:32: Janna Miller: individuelle Unterstützung.

00:36:35: Jennie Cremer: Pädagogische Arbeit oder Sozialverwaltung? Sehr gut, wir sollen nie was kommentieren.

00:36:38: Janna Miller: Pädagogische Arbeit.

00:36:44: Jennie Cremer: Antragstellung oder Teilhabeplanung?

00:36:47: Janna Miller: Teilhabeplanung.

00:36:49: Jennie Cremer: Verbindliche Strukturen oder flexible Lösungen.

00:36:53: Janna Miller: Flexible Lösungen.

00:36:54: Jennie Cremer: Systemkritik oder Systemgestaltung.

00:36:58: Janna Miller: Systemgestaltung.

00:37:00: Jennie Cremer: Verwaltungssprache oder einfache Sprache.

00:37:03: Janna Miller: Einfache Sprache.

00:37:04: Jennie Cremer: Fachliche Unabhängigkeit oder institutionelle Einbindung.

00:37:09: Janna Miller: Fachliche Unabhängigkeit.

00:37:10: Jennie Cremer: Und die letzte: Pragmatismus oder Idealismus?

00:37:14: Janna Miller: Pragmatismus.

00:37:15: Jennie Cremer: Super, vielen Dank. Ja, das ging ja zack, zack, wenn ich nicht immer bisschen Kommentare eingeworfen hätte. Sehr, sehr gut. Möchtest du ein oder mehrere der Begrifflichkeiten noch ein bisschen näher erläutern oder definieren?

00:37:28: Janna Miller: Ich hatte gerade das Gefühl, dass ich eine Zickzack-Linie aufgemalt habe. Ich hätte auch noch zwei weitere Joker gebrauchen können, glaube ich.

00:37:36: Jennie Cremer: Ja, das glaube ich auch.

00:37:40: Janna Miller: Jetzt was einzeln rauszupicken, glaube ich, passt gerade gar nicht. fand's gut so.

00:37:43: Jennie Cremer: Ja, da macht ja auch keiner einen Strick draus. Also wir wissen, dass das Spiel, ja genau, dass es so ein bisschen herausfordernd ist, aber dafür hast du es sehr gut gemeistert. Du bist ja Heilpädagogin, hast du eben erzählt. Und ich glaube, dass das nicht die typischste Profession in diesem System ist, aber ich denke, dass es für uns trotzdem interessant ist zu hören, welche Kompetenzen bringen Heilpädagog:innen für die Stelle der Verfahrenslotsen mit? Und wo grenzen wir uns dann noch mal ein bisschen von den anderen Professionen ab, vielleicht von Sozialarbeiter:innen.

00:38:18: Janna Miller: Diese Abgrenzung fällt mir nicht so leicht, da ja die drei, die im Kreisjugendamt arbeiten, sehr unterschiedliche Professionen haben. Also ich bin Heilpädagogin, mein Kollege ist Diplompädagoge und meine Kollegin hat einen Fachwirt in Sozial- und Gesundheitswesen. Wir haben, das ist glaube ich dann auch für die Stelle der Verfahrenslotsen ganz spannend, einfach langjährige und sehr unterschiedliche vorherige berufliche Erfahrungen oder persönliche Erfahrungen. Ich glaube aber, was auf jeden Fall hilft, die Offenheit, die wir mitbringen. Das finde ich schon das Besondere, einfach auf alle Menschen möglichst zuzugehen. Und das kam gerade vielleicht: unvoreingenommen, pragmatisch. Kleine Schritte wertschätzen, das ist glaube ich was ganz Wichtiges, so kleine Fortschritte wertschätzen zu können und zu sehen, überhaupt zu sehen und dann zu wertschätzen. Ja, und wenn ich so überlege, ich habe im Studium kein einziges Behindertenbild auswendig gelernt. Das war, glaube ich, früher mal so der Fall. Und von daher, wir haben es mit so vielen unterschiedlichen Beeinträchtigungen zu tun. Und jeder Mensch hat seine individuelle Geschichte. Und da einfach nicht nach Rezept arbeiten zu wollen, ist natürlich in der Behörde, die einen Katalog von Hilfen hat und in diesen Katalog muss man reinpassen, schon herausfordernd, aber auch spannend, an welchen Stellen man dann eben diesen fertigen Katalog an die Bedarfe einer Familie oder eines Menschen anpassen zu können. Ich glaube außerdem, wenn ich sehe, ich berate Menschen zwischen 0 und 27. Das sind Eltern, die haben vielleicht noch vor der Geburt einen Gentest gemacht und erfahren, dass sie eventuell ein Kind bekommen, das eine Beeinträchtigung haben wird. das könnte der Anfang sein oder eine Familie wendet sich an uns und sagt Wir haben gesagt gekriegt, wir sollen eine Diagnostik machen. Was sind Vor- und Nachteile von Diagnostik? Und da einfach jemanden brauchen, mit dem sie sich austauschen können. Aber eben auch bis zu diesem Schritt, okay, wie geht alleine leben? Wie geht Arbeit oder welche Möglichkeiten habe ich? Also dieses große Feld und die Vielfalt einfach, mit der wir es zu tun haben. Also ich glaube, das ist schon was Heilpädagogisches. Auch einfach mit Vielfalt und Diversität gut umgehen und darin auch einfach was unglaublich Spannendes an diesem Beruf irgendwie zu erkennen.

00:40:38: Jennie Cremer: Ich würde daraus tatsächlich gerne den Gedanken formulieren, Inklusion beginnt nicht erst da, wo der Antrag bewilligt wird, sondern dort, wo Menschen Zugang, Orientierung und auch Gehör finden. Welche Bedeutung würdest du diesem Gedanken in deiner Arbeit geben?

00:40:52: Janna Miller: Das finde ich total wichtig, weil ja gar nicht immer ein Antrag als Zielergebnis da. Das kann in manchen Fällen so sein, aber oft ist es ja so, dass man Menschen durch ein gutes Gespräch, bei dem sie wirklich anknüpfen oder andocken können, schon in eine Richtung stupsen kann oder aus einer Richtung, die sie schon eingeschlagen haben, wieder rausbringen können. Und dann braucht es vielleicht gar keinen Antrag, sondern nur jemanden, der mal die Frage stellt, ob es vielleicht auch anders ginge. Zum Beispiel, weil man ja oft einfach sich auch nicht so gut mit anderen Menschen austauschen kann über seine eigene Situation. Und wenn dann jemand sich Zeit nimmt und sagt, ich höre mir einfach mal an, wie es Ihnen geht und wir überlegen mal gemeinsam, wie es anders gehen könnte, dann ist das mega wichtig, dass man erst mal irgendwo ankommt und gehört wird. Und da kann am Ende eine Antragstellung bei rauskommen, aber muss es überhaupt gar nicht.

00:41:46: Jennie Cremer: Welche Chancen siehst du in diesem Prozess?

00:41:48: Janna Miller: Ich sehe die Chance, dass Eltern vielleicht weniger erklären müssen, weniger ausholen müssen, warum sie gerade da sind und welche Hilfe sie brauchen. Dass es einfacher ist, dass man die Menschen, mit denen man es zu tun hat, im Amt sieht. Und das, glaube ich, macht es immer einfacher, Verbesserungen in Lebenssituationen zu bringen, wenn man sich gegenseitig sieht und miteinander persönlich spricht. Ja, ich hätte auch die Hoffnung, dass dadurch ein Bürokratieabbau passiert, dass es nicht einzig und allein darum geht. Und das ist leider das, was aktuell politisch irgendwie immer wieder so durchklingt, dass das irgendwie alles nur unter dem Deckmantel der Sparmaßnahmen passiert, sondern dass der ursprüngliche Gedanke dieses Prozesses nicht verloren geht. Dass man eine Lebensverbesserung in möglicherweise belastende Situationen von Familien bringt und dass es nicht darum geht, Geld zu sparen. Das war nicht die ursprüngliche Idee. Definitiv

00:42:43: Jennie Cremer: Ich glaube, das ist auch wichtig, noch mal zu formulieren, man sich von der Politik wünscht. Was würdest du gerne Familien mitgeben, die sich aktuell in einem unübersichtlichen Hilfesystem befinden?

00:42:54: Janna Miller: Wenden Sie sich an Ihr Jugendamt und fragen nach einem Verfahrenslotsen. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass das niemand ist, der mit ganz wenigen Stunden einfach nur „Verfahrenslotse“ an seinem Türschild stehen hat, sondern dass das jemand ist, der wirklich als Verfahrenslotse arbeiten darf und dass Sie den im Amt finden, weil er nicht irgendwie nur undercover tätig ist – das gibt es leider. Ja, genau, Verfahrenslotse kontaktieren und Hilfe suchen. Sie machen in aller Regel einen extra Job neben ihrem vermutlich sowieso schon bestehenden Alltag. Und es gibt Leute, die sehen, dass das einen zum Teil in den Wahnsinn treiben kann, was alles zu tun, zu beantragen ist. Und halten Sie durch, suchen Sie sich Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben, zu erfahren, dass sie damit nicht alleine sind und dass es Wege daraus gibt. dass es Leute gibt, die wirklich gerne dabei unterstützen, Lösungen zu finden.

00:43:49: Jennie Cremer: Du hast es gerade schon angedeutet, aber vielleicht hast du noch einen Satz, Was würdest du dir von den Jugendämtern wünschen?

00:43:55: Janna Miller: Offenheit gegenüber unterschiedlichen Professionen im gesamten sozialen Bereich. Also es gibt Heilpädagoginnen, die können sich vorstellen, im Jugendamt zu arbeiten. Und ich glaube, dass unterschiedliche Professionen und deren unterschiedliche Blickwinkel ganz oft hilfreich sein können. Also einfach Offenheit und Mut. Ich glaube im Moment braucht es Mut zu sagen, jawohl, wir haben verstanden, da ist ein Reformprozess im Gange, der verlangt, dass wir uns mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen. Und es ist nicht so schlau, die Hände in den Schoß zu legen und zu gucken, was aus einem Referentenentwurf wird, sondern alle jetzt schon geltenden Reformstufen sind Anlass genug, sich auf den Weg zu machen, mehr Inklusion in Jugendämtern zu leben.

00:44:37: Jennie Cremer: Ich formuliere jetzt noch eine etwas kritische Frage. Glaubst du, dass die Verfahrenslotsen eine Art Pflaster sind für die Brüche im Hilfssystem? Oder ein Bindeglied vielleicht eher als ein Pflaster.

00:44:52: Janna Miller: Ja, oder Aufzeiger, weil darüber haben wir jetzt noch nicht so viel gesprochen. Der zweite Teil unseres Paragrafen ist ja eben im Prinzip die Struktur, also Jugendämter dahingehend zu beraten. Wo funktioniert was im System nicht? Und dann zu überlegen, wohin muss diese Info, damit sich daran was ändert? Und das ist total spannend und funktioniert aber. Also die Erfahrung haben wir schon gemacht. Das funktioniert, wenn man herausfindet, an wen man sich wenden muss. Und dann kann man systemisch oder im System was verändern und einfacher machen. Das ist wichtig und darin liegt eine Funktion von Verfahrenslotsen, die nicht zu unterschätzen ist. Leider liegt dieser Bereich bei manchen brach, weil man denkt, man kann diesen Bereich nicht angehen, solange nicht ein gültiges Gesetz da ist. Ich glaube aber, dass das falsch ist, eben die Probleme sind da und es kann schon jetzt an Lösungen gearbeitet werden. Von daher glaube ich, wir sind kein Pflaster, sondern eher Aufzeiger von Lücken und Ideengeber für Lösungen vielleicht in diesem Bereich.

00:45:52: Jennie Cremer: Ja, du hattest gerade gesagt, einen Punkt haben wir noch nicht konkret angesprochen. Gibt es noch irgendwas, was du den Zuhörern gerne mitgeben würdest, wo du den Blick gerne zum Schluss jetzt noch mal drauf lenken möchtest, wo du ja, das ist eigentlich das, was du gerne noch sagen würdest oder was irgendwie noch Raum und Platz finden muss.

00:46:09: Janna Miller: Mir macht tatsächlich diese Zweiteilung, also einerseits Beratung und Begleitung von Klient:innen, viel Spaß und andererseits diese strukturelle Arbeit. Und ich glaube, manchmal tun wir Jugendämtern Unrecht. Ich höre von Kolleg:innen, die Verfahrenslots:innen sind, dass sie sich im Absatz 2, also in diesen strukturellen Lösungen auf den Weg machen. Es gibt Kolleg:innen, die bieten Fortbildungen für Mitarbeiter:innen im Jugendamt an. Das machen wir auch. Wir haben ein Basismodul gemacht, wo alle unsere Kolleg:innen einen Block durchlaufen haben, Integration im Unterschied zu Inklusion, weil wir festgestellt haben, wir benutzen Begriffe, aber haben ganz unterschiedliches Verständnis und andere Kolleg:innen bieten andere Fortbildungen zu Beeinträchtigungen und zu unterschiedlichen Therapieansätzen. Da passiert an manchen Jugendämtern schon viel. Und ich glaube, das ist zu sehen und wertzuschätzen, dass es Menschen gibt, die Freude daran haben, einfach ihr Wissen zu erweitern und sich zu öffnen. Und ich glaube, das ist wichtig, das wertzuschätzen, da Mut zu machen, dass sich mehr Jugendämter trauen, in diesem Bereich einfach vorwärtszugehen und zu sagen. Egal wie dieses Gesetz letztendlich aussehen wird, mehr Inklusion muss es so oder so geben. Also machen wir uns auf den Weg, was brauchen wir dafür?

00:47:25: Jennie Cremer: Ich hatte die Frage eben schon mal formuliert, aber ich versuche sie jetzt noch mal irgendwie einzuspielen, weil ja viele unserer Zuhörenden sich im Professionsfeld der Heilpädagogik bewegen. Was glaubst du, welche wichtigen Ressourcen die Profession der Heilpädagogik für diesen Prozess mitbringt?

00:47:45: Janna Miller: Also ich bin Heilpädagogin mit meinen Erfahrungen. Das heißt, ich kann gar nicht sagen, das Besondere oder das Wichtige sind die Heilpädagog:innen, sondern ich glaube, das Wichtige sind Menschen mit unterschiedlichen Professionen, persönlichen Erfahrungshintergründen, beruflichen Erfahrungshintergründen, ihrer Haltung, ihrer menschlichen Haltung. Ich glaube, das ist das Wichtige und Ausschlaggebende beim Verfahrenslotse-Sein und beim Heilpädagogin-Sein im Jugendamt.

00:48:17: Jennie Cremer: Ja, finde ich gut, dass du das noch mal so formuliert hast. Kennt man eine:n Heilpädagog:in, kennt man eine:n Heilpädagog:in. Ich glaube, es gibt viele Parallelen, die wir haben, die unsere Profession mit sich bringt. Aber natürlich sind wir auch ganz individuell und ob wir wertschätzend und aufgeschlossen unserem Gegenüber sind, das hat was mit uns selbst und unserer Haltung zu tun und weniger mit unserer Profession. Wünschenswert wäre es natürlich. Aber ich glaube, das hast du ganz gut auf den Punkt gebracht. Ja, Janna, das ist eine Frage, stellen wir all unseren Gästen. Und zwar gibt es einen Film, Musik, einen Podcast oder ein Buch, was dich in den letzten Jahren oder in der letzten Zeit bewegt hat oder was du unseren Zuhörenden gerne empfehlen möchtest.

00:48:58: Janna Miller: Das ist schon eine ganze Weile her, aber ich glaube, die größten Aha-Effekte hatte für mich als Studentin damals das Lesen des Buches von Axel Brauns, „Buntschatten und Fledermäuse“. Und irgendwie komme ich da ganz oft gedanklich wieder darauf zurück, weil es einfach so viele Aha-Momente gegeben hat, weil ich parallel mit Menschen im Autismus-Spektrum gearbeitet habe und Dinge wiedererkannt habe und ich glaube auch verstanden habe.

00:49:25: Jennie Cremer: Sehr gut. „Buntschatten und Fledermäuse“. Ja, jetzt sind wir am Ende der heutigen Folge angekommen. Vielen lieben Dank, Janna Miller, für deine offene und fachliche Art und das spannende Gespräch und die Einblicke in die Arbeit der Verfahrenslotsin. Wir haben heute darüber gesprochen, wie anspruchsvoll die Orientierung in komplexen Hilfssystemen für Familien sein kann, welche Rolle Verfahrenslotsinnen im Reformprozess und in der inklusiven Kinder- und Jugendhilfe spielen und weshalb heilpädagogische Perspektiven an den Schnittstellen wertvoll sein können und wie viel auch unsere individuelle Perspektive ausmacht. Ja, an unsere Zuhörenden, wenn du Rückmeldungen, Anregungen oder Themenwünsche hast, schreib uns gerne eine Mail oder über die Kanäle des BHP. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von Irgendwas mit Menschen. Tschüss!