Elisabeth Denzl, wie begleiten wir Kinder in der digitalen Welt?
Shownotes
Digitale Medien gehören längst zum Alltag von Kindern und Familien. Doch wie viel Mediennutzung tut Kindern gut? Wo liegen Risiken – und welche Chancen bieten digitale Medien für Entwicklung und Teilhabe?
Darüber sprechen Jennie Cremer und Philipp Bryant mit Dr. Elisabeth Denzl. Die Heilpädagogin, Erzieherin und personzentrierte Spieltherapeutin beschäftigt sich wissenschaftlich mit Medienbildung in Kitas, digitaler Kindheit und der Frage, wie digitale Medien die kindliche Entwicklung beeinflussen.
Im Gespräch geht es unter anderem um Bildschirmzeit und die sogenannte Zeiträuberhypothese, um Medien als Teil des Familienalltags und um die Frage, welche Rolle Eltern und pädagogische Fachkräfte bei der Mediennutzung von Kindern einnehmen. Elisabeth Denzl erklärt, warum gerade bei kleinen Kindern reale Erfahrungen, stabile Beziehungen und ein bewusster Umgang mit Bildschirmmedien wichtig sind.
Außerdem sprechen die drei darüber, ob Verbote sinnvoll sein können, warum Medienbildung bereits in der Kita beginnt und wie sich die pädagogische Begleitung mit zunehmendem Alter verändert. Dabei wird deutlich: Kinderschutz und die Chancen der Digitalisierung müssen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Zum Weiterlesen und Vertiefen empfiehlt Elisabeth Denzl:
- Aufzählungs-Textdie miniKIM-Studie 2023 „Kleinkinder und Medien“ des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs): https://mpfs.de/studie/minikim-2023/
- das Positionspapier „Digitale Medien und frühe Kindheit – Forschungsstand, Wirkungen und Empfehlungen“, 2. überarbeitete Auflage, der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit (GAIMH): https://www.gaimh.org/aktuelles-reader/2-ueberarbeitete-auflage-positionspapier.html
- „Das SESAM-Kartenset für Kita-Fachkräfte – Medienbildung in der frühen Kindheit“ von Elisabeth Denzl und Paula Bleckmann: https://www.gaimh.org/aktuelles-reader/das-sesam-kartenset-fuer-kita-fachkraefte.html
Als persönliche Empfehlung nennt Elisabeth Denzl außerdem die Münchner Rapperin, Autorin und Moderatorin Fiva (früher Fiva MC).
Moderation: Jennie Cremer und Philipp Bryant Gast: Dr. Elisabeth Denzl
Rückmeldungen, Anregungen oder Themenwünsche gerne an podcast@bhponline.de oder über die Social-Media-Kanäle des BHP.
Transkript anzeigen
00:00:00: Jennie Cremer: Hallo und herzlich willkommen zu Irgendwas mit Menschen, Heilpädagogik-Podcast. Schön, dass du heute wieder dabei bist. Ich bin Jennie Cremer und moderiere die heutige Folge wieder gemeinsam mit Philipp. In diesem Podcast sprechen wir mit Expertinnen über Themen, die die Heilpädagogik in Gesellschaft, Praxis und Politik bewegen. Hi Philipp, schön, dass wir heute wieder zusammen vom Mikrofon sind.
00:00:19: Philipp Bryant: Hallo Jennie, ich freue mich auch.
00:00:21: Jennie Cremer: Was ist unser heutiges Thema?
00:00:23: Philipp Bryant: Heute sprechen wir über Medienkonsum, unter Umständen über Mediensucht bei Kindern und haben dazu auch wieder jemand Spannendes eingeladen. Wer ist das?
00:00:32: Jennie Cremer: Unsere heutige Gästin zu diesem Thema ist Dr. Elisabeth Denzl, Sie beschäftigt sich fachlich mit Fragen von Mediennutzung, kindlicher Entwicklung und den Herausforderungen, die digitale Medien im Alltag von Familien, Kindertagesstätten und pädagogischen Einrichtungen mit sich bringen. In unserem Gespräch möchten wir gemeinsam genauer darauf eingehen, wie Medienkonsum bei Kindern im Kindergartenalter eingeordnet werden kann. Welche Risiken und Chancen für die Kinder bestehen, aber auch für die Eltern und Pädagogen. Woran können Heilpädagoginnen und weitere Fachkräfte und Eltern erkennen, ob Mediennutzung altersgerecht ist, entwicklungsförderlich oder möglicherweise auch belastend? Ja, schön Elisa, dass du heute da bist.
00:01:12: Elisabeth Denzl: Vielen Dank für die Einladung.
00:01:13: Jennie Cremer: Jetzt habe ich direkt schon mit einem Patzer begonnen. haben vorab gesprochen, Elisabeth oder Lisa. Und jetzt habe ich das Ganze gemischt. Also nochmal, schön Lisa, dass du da bist. Zu Anfang würde mich direkt interessieren, wie bist du zu diesem Themenfeld gekommen? Gab es irgendwelche Erfahrungen, Studien oder irgendwas in deinem beruflichen Werdegang, was dich so geprägt hat, dass du gesagt hast, hey, auf Medien da lenke ich meinen Blick bei Kindern.
00:01:36: Elisabeth Denzl: Tatsächlich war das gar nicht so, sondern es ist eher ein bisschen durch Zufall gekommen. Ich bin vom Grundberuf her Erzieherin und Heilpädagogin, personzentrierte Spieltherapeutin und habe dann lange Jahre im Gruppen- und Fachdienst gearbeitet, in Kitas, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Frühförderung. Und natürlich waren da digitale Medien schon auch ein Thema, aber das war nicht so, dass das irgendwie mein Schwerpunkt war. Es war dann tatsächlich eher so, dass ich, ich habe dann Weiterbildungsmaster gemacht. Und da im Laufe des Studiums tatsächlich mehr auf dieses Thema gekommen bin und je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto spannender fand ich es und dann habe ich eine Doktorarbeit darüber geschrieben und mich viel mit dem Thema Medienbildung in Kitas, aber auch insgesamt mit dem Thema digitale Kindheit, kindliche Entwicklung und digitale Medien beschäftigt.
00:02:24: Philipp Bryant: Ja, okay. Dann erst mal danke für diesen kurzen Einblick schon mal in das, wie diese Expertise ja bei dir auch entstanden ist. Ich würde jetzt gerne zu Beginn unseres Podcasts mit dir in den Fahrstuhl steigen und den Elevatorpitch spielen. Das heißt, du hast jetzt gleich 60 Sekunden Zeit, um mir eine Frage zu beantworten. Die Zeit, die fängt erst an zu laufen, wenn du auch anfängst zu sprechen. Und nach einer Minute ist der Timer manchmal gnadenlos, dann kommst du zum Ende. Wir können aber danach natürlich das Ganze ausbauen. Solltest du früher fertig sein, dann gewinnst du ganz viele Ehrenpunkte. Mehr aber auch in der Situation dann nicht. Und Lisa, ich würde gerne von dir wie können wir denn den Begriff Medien verstehen? Also ordne den für uns doch mal ein, dass klar ist, worüber reden wir hier heute. Also. Was sind Medien? Was ist der Medienbegriff? Worüber sprechen wir?
00:03:23: Elisabeth Denzl: Und die Zeit läuft? Ich will Ehrenpunkte.
00:03:24: Philipp Bryant: wenn du anfängst zu sprechen.
00:03:26: Elisabeth Denzl: Okay, dann starte ich mal. Also grundsätzlich, wenn wir von Medien sprechen, dann kommen wir eigentlich sehr schnell auf digitale Medien. Und das ist natürlich auch ganz verständlich, weil digitale Medien sind sehr präsent in unserem Leben und auch sehr präsent im Leben von Kindern. Aber wenn wir uns die Definition des Medienbegriffs und auch die Genese des Medienbegriffs angucken, dann ist dieser Begriff natürlich viel vielfältiger. Das wissen wir alle, fallen Bücher drunter, Hörmedien, auch Theater, Handpuppen und so weiter. Und das sage ich deswegen, weil ich das im Hinblick auf Medienbildung total wichtig finde, dass wir mit einem breiten Medienbegriff arbeiten, gleichzeitig aber auch nicht vergessen, dass digitale Medien einen besonderen Stellenwert im Leben von Kindern spielen. Und insofern genau da nochmal diese Differenzierung wichtig ist und Jetzt habe ich Ehrenpunkte bekommen.
00:04:17: Philipp Bryant: Jetzt bekommst du genau elf Ehrenpunkte, weil du noch elf Sekunden übrig hast. Ich würde gerne direkt auch gleich eine Anschlussfrage stellen. Du hast ja gesagt, dass wir zwischen unterschiedlichen Formen von Medien unbedingt differenzieren müssen und dass eine spezielle Form von Medien diese digitalen Medien sind. Jetzt ist es ja so, dass in der öffentlichen Diskussion aus meiner Wahrnehmung heraus der Medienbegriff immer stark verkürzt auf diese digitalen genutzt wird. Und auch an dieser Nutzung digitaler Medien eher eine problemorientierte, eine problematisierende Diskussion geführt wird. Kannst du uns zu Beginn mal aus deiner mitnehmen darin, was denn so ein mögliches Risiko aus deiner Sicht in der Nutzung digitaler Medien im Kleinkindalter ist?
00:05:13: Elisabeth Denzl: Also jetzt zum einen möchte ich auf jeden Fall bestätigen, was du so sagst, wo du diese Diskussion in der Gesellschaft wahrnimmst. Das ist auf jeden Fall ein Thema, polarisiert. Also wenn es um digitale Medien und frühe Kindheit geht, dann haben wir Menschen, auf der einen Seite ganz stark die Chancen fokussieren und auf der anderen Seite Menschen, sowohl in Politik als auch in Wissenschaft, als auch in Familien, in Kitas, in Schulen, die eher so den Fokus auf die Risiken legen und ich denke beides ist ganz ganz wichtig und für mich ist es grundsätzlich immer auch wichtig zu sagen das was alle Menschen vereint ist, dass grundsätzlich natürlich auch den Wunsch haben, dass Kinder gut aufwachsen und auch gut zukünftig für die digitale Welt vorbereitet sind. Das heißt, sowohl der Blick auf die Chancen als auch auf die Risiken ist total wichtig und weil du jetzt auch gerade eben nach den Risiken gefragt das ist eine sehr komplexe Frage, da geht es um Medienwirkungsforschung, da kann ich natürlich einiges dazu sagen,
00:06:13: Philipp Bryant: Wenn du erlaubst, dann komme ich einfach noch mal kurz ins Gespräch hinzu. Weil das ist ja spannend, wenn du sagst, es geht so was wie Medienwirkungsforschung, dann scheint das ja erst mal auf einem sehr theoretisierten Niveau zu sein. Mit unserem Blick jetzt auf Kinder zwischen 0 und 6, also Kindergarten, Vorschulalter und Und du hast auch auf Studien verwiesen. Ich kenne zum Beispiel die miniKIM-Studie. Und bei der aus 2024 ist die, glaube ich, die aktuellste Version. 2023,
00:06:44: Elisabeth Denzl: 2023.
00:06:46: Philipp Bryant: danke schön. Da ist eine Sache bei mir zum Beispiel sehr deutlich kleben geblieben, nämlich dass der Anteil von Bildschirmen, also digitalen Medien in Kinderzimmern sich sehr deutlich erhöht hat. Und da würde ich dann gerne noch mal einhaken zu fragen, was ist das aus deiner Sicht? Was hat das für ein Risikopotenzial, wenn wir wissen, dass es so etwas wie eine deutlich steigende Anzahl von Bildschirmen digitalen Medien in Kinderzimmern gibt?
00:07:14: Elisabeth Denzl: Also zum einen würde ich eine absolute Empfehlung aussprechen für die miniKIM-Studie. Also jeder, der sich mit diesem Thema noch genauer beschäftigen möchte, der kann super gerne in diese KIM-Studien reingucken, die vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest gemacht werden. Die werden in regelmäßigen Abständen erhoben und sind repräsentativ für Deutschland, also total spannend. da erkennt man eben das, du ansprichst, dass es eben tatsächlich auch nach der Corona-Pandemie einen tendenziellen Anstieg gibt an Bildschirmzeit bei kleinen Kindern, eben auch schon bei zwei- bis fünfjährigen Kindern. Und da gibt es schon natürlich auch einige problematische Dimensionen, die man da berücksichtigen wenn ich da die Frage die Risiken von digitalen Medien auf die kindliche Entwicklung, wenn ich da genauer einsteige, dann ist es einmal wichtig, dass wir da ein Stück weit differenzieren müssen. Also das, was wir gerade schon besprochen haben, ist, Zeit ist auf jeden Fall so eine bestimmte Problemdimension. Also es ist schon so ein Faktor, wie viel Zeit verbringen Kinder mit digitalen Medien. Aus der Entwicklungspsychologie beispielsweise wissen wir, dass gerade für kleine Kinder und für das gesunde Gehirnwachstum Erfahrungen, die mit allen Sinnen gemacht werden, realweltliche Erfahrungen besonders wichtig sind. Das heißt, in der Medienwirkungsforschung ist die Hypothese, warum digitale Medien tendenziell eher sich negativ auf die kindliche Entwicklung auswirken. Eben zum einen diese Zeiträuberhypothese. Kinder haben schlichtweg weniger Zeit, sich mit potenziell entwicklungsförderlichen, realweltlichen, alle Sinne ansprechenden Aktivitäten zu beschäftigen, verbringen mehr Zeit mit digitalen Medien, wo weniger Sinne angesprochen werden. Und in dem Falle ist praktisch das die Hypothese, warum digitale Medien sich zum einen eben negativ auswirken können auf die kindliche Entwicklung.
00:09:00: Jennie Cremer: Ich weiß nicht genau, in welcher Zeitspanne du deine Kindheit verbracht hast. Bei mir waren es auf jeden Fall überwiegend die 90er. Ich vermute, die hast du auch gestreift. Wenn ich die damalige Zeit so bisschen mit heute vergleiche, dann hat der Medienkonsum doch eine andere Dynamik angenommen. Früher war Mediennutzung häufig stärker an Orte, Zeiten und soziale Rituale, würde ich auch mal behaupten, gebunden. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich jeden Montag 21.15 ich weiß, sehr spät, im Wohnzimmer gemeinsam mit meiner Mutter eine bestimmte Fernsehserie geguckt habe und das im wöchentlichen Ritual. Und unsere Klassenlehrerin, konnte quasi dienstags morgens schon erkennen am Müdigkeitstatus der Kinder, wer mit einem seiner Familienmitglieder dasselbe Ritual pflegt. Ja, und was unterscheidet das zu den heutigen, also die damaligen Rituale, feste Wochentage? feste Programmzeiten zu der heute mehr individuellen, mobilen und ständigen Verfügbarkeit von Medien.
00:10:02: Elisabeth Denzl: ja, danke für den spannenden Einblick in dein Aufwachsen. Und das ist immer eine ganz wichtige Sache auch tatsächlich in der Medienbildung, dass man sich mit seiner eigenen Medienbiografie auch auseinandersetzt, weil dadurch kann man auch wirklich viel Verständnis generieren. für die heutige Kindheit, für Kinder, für Familien. Deswegen ist es total zentral, dass man da auch mal nachdenkt, wie war das eigentlich bei einem selber, was hat einem selber gut getan, was auch eher nicht. Und da kann man tatsächlich total gut auch dann oft eine Verbindung herstellen. Und deswegen ganz schön, dass du das jetzt auch hier so eingebaut Und schlussendlich natürlich hat sich das Familienleben von den 90er Jahren bis heute natürlich verändert. Digitale Medien haben einen großen Stellenwert im alltäglichen Leben von Familien. das ist ganz natürlich und das ist auch erstmal nicht problematisch. Gleichzeitig wissen wir, dass Familien heute mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen haben. Beruflich, finanziell, organisatorisch, mental. Und dann ist es natürlich manchmal so, dass digitale Medien teilweise auch zum Beispiel zur Belohnung oder zur Bestrafung oder als Babysitter verwendet werden. Also eher so zu Funktionen, die tatsächlich tendenziell auch problematisch sein können für das Familienleben, auch für die kindliche Entwicklung. Also beispielsweise wenn digitale Medien zur Emotionsregulation eingesetzt werden. Und da muss man natürlich ganz genau hingucken. Gleichzeitig würde ich aber auch immer sagen, dass es ganz, ganz wichtig ist, dass wir beobachten, was passiert in Familien und dass wir verstehen, warum das so ist. Und wenn wir verstehen, warum sich bestimmte Verhaltensmuster, selbst wenn sie eher dysfunktional und problematisch sind, etabliert haben, dann können wir ansetzen und gemeinsam mit Familien auch schauen, wo gibt es vielleicht mögliche Veränderungen, wo können wir ansetzen, was sind Lösungswege, an denen auch Familien arbeiten wollen. Also da denke ich, es ist ganz ganz wichtig, wirklich differenziert hinzugucken, wertfrei beobachten und verstehen, Warum sind digitale Medien so in den Familien etabliert, wie sie es eben sind?
00:12:02: Philipp Bryant: Es ist schön, wie du das gerade eingeordnet hast im Bezug auf, was ist die Perspektive der Fachkräfte? Und wenn wir verstehen und das akzeptieren und anerkennen, da hat man ja herausgehört, wie stark diese offensichtlich geprägte Haltung, die du repräsentierst, ja auch kompatibel ist zu einer heilpädagogischen Haltung, in der man
00:12:23: Elisabeth Denzl: Auf jeden Fall,
00:12:24: Philipp Bryant: dieser Arbeit Könntest du? was finden oder gibt es so etwas wie eine Antwort auf die Frage, warum Heilpädagogik und Medienpädagogik irgendwie gut Hand in Hand gehen? Kann man so was sagen? Ja, irgendwie so.
00:12:47: Elisabeth Denzl: Genau, also ich denke, die Heilpädagogik beschäftigt sich ja grundlegend mit der Frage, wie Kinder gesund aufwachsen können und das natürlich auch unter den aktuellen gesellschaftlichen Begebenheiten. Und eine dieser gesellschaftlichen Begebenheiten ist Digitalität. Wir leben in einer digitalen Welt und von dem her denke ich, ist es ganz selbstverständlich, dass das Thema Medienbildung und das Aufwachsen in einer digitalen Welt auch die Heilpädagogik beschäftigt. beschäftigen muss. Also ich denke, ist ganz klar auch Aufgabe der Heilpädagogik und in jedem Fall auch kompatibel. Wir wollen, dass Kinder gut aufwachsen, dass Kinder gut für die Zukunft gestärkt sind mit den aktuellen Herausforderungen, die es gibt. Und das ist sozusagen eine Herausforderung und eine Chance. Wir müssen schauen, dass wir Kinder dafür stärken.
00:13:32: Jennie Cremer: Ja, du hattest eben schon mal die Vorteile auch genannt, die sich entwickelt haben, dadurch, sich auch die Familien, familiären Strukturen auch einfach geändert haben und dass Eltern häufiger berufstätig sind und das Medium eben auch als Ablenkung Alltagsorganisationen zur Beruhigung genutzt wird. Aber ich glaube, im Umkehrschluss entstehen dadurch natürlich auch wieder neue Belastungsfaktoren. Vielleicht können wir da noch mal gemeinsam drauf schauen. also es bietet einerseits Chancen, dass man halt einfach sagt, dass man zu der Zeit genau weiß, okay, die Kinder haben jetzt eine gewisse Medienzeit, sich damit auseinandersetzen, die sind quasi in einem geschützten Rahmen und man kann in der Zeit gewisse Dinge erledigen und so weiter. Wenn man aber weiß, die Kinder haben so und so viel Zeit heute vom iPad verbracht, vor dem Fernseher gesessen oder vielleicht auch gar nicht so genau weiß, was sie in der Zeit machen, weil der Zugang gar nicht begrenzt ist. Was entstehen daraus wieder für zusätzliche Risiken, die vielleicht erst mal wie eine Chance im innerfamiliären Konstrukt erscheinen, aber langfristig vielleicht doch gewisse Risiken bergen?
00:14:38: Elisabeth Denzl: Ja, also ich glaube, dass da gerade zwei Aspekte besonders wichtig sind zu berücksichtigen. Das eine ist, was du schon angesprochen hast, wenn Bildschirmzeit, digitale Mediennutzung nicht kontrolliert ist, dann kann es natürlich auch sein, dass Kinder mit ungeeigneten Inhalten für sie konfrontiert werden. Und das ist zum einen natürlich eine große Herausforderung, die damit einhergeht, weil wir alle wissen, jedes Kind es individuell hat. unterschiedliche Erfahrungen gemacht, hat unterschiedliche Vorlebensbesonderheiten, aber vielleicht auch irgendwo Belastungen. Und wenn wir da nicht genau gucken, passt denn der Inhalt, was die Kinder gerade schauen, konsumieren, mit dem überein, wie das Kind tatsächlich gerade, ja, entwicklungsmäßig aufgestellt ist, dann kann das da zu einer Spannung führen. Und dann kann das dazu führen, dass Kinder natürlich auch belastet werden, wenn sie eben mit Inhalten konfrontiert sind, die noch nicht geeignet sind für sie.
00:15:34: Philipp Bryant: die Tendenz ist ja ganz klar geworden von dem, was du sagst. Ich würde gern noch mal was anderes entgegensetzen. nicht nur als Vater, sondern auch als Fachkraft habe ich im Kontext stationären Kinder- und Jugendhilfe oder auch im Rahmen der Arbeit mit jugendlichen Menschen, die mit Beeinträchtigung leben, die Erfahrung gemacht, dass zum Beispiel eine bestimmte Person Lust hat auf einen Inhalt, der aus der Peer Group heraus als wichtig erachtet wird. Jetzt habe ich als Fachkraft aber vielleicht genauso einen Zugang gewählt, wie du den gerade beschrieben hast. Also einen vorsichtigen, einen einschätzenden, was macht das mit dem Subjekt? Ist das gerade schon eine Entwicklungsaufgabe, dran ist oder nicht? Und dann entzündet sich doch daran aber auch ganz, ganz häufig ein Konflikt. Und wenn ich jetzt an Familien denke, dann ... Ich kann ganz viele Menschen aus welcher Perspektive auch immer nachempfinden, dass sich rund um die Regulation von Medienkonsum und deren Inhalte, die konsumiert werden, wirklich Auseinandersetzungen und negative Energie auch ganz doll breit macht. Also wie können wir denn auch mit so einer Herausforderung umgehen, dass da vielleicht was gewünscht ist, damit man dabei sein kann und der Inhalt aber vielleicht gar nicht schon dran ist. Da würde dann ja sozusagen ein Ausschluss geschehen.
00:17:01: Elisabeth Denzl: Also grundsätzlich wichtig ist es, dass wenn wir als erwachsene Bezugspersonen die Einschätzung haben, okay, dieser eine Inhalt ist noch nicht dran für dieses Kind, dann ist es auch ganz wichtig, dass wir das auch tatsächlich wirklich durchsetzen. Also schlussendlich brauchen Kinder erwachsene Bezugspersonen, die sich für diese Kinder einsetzen, die sich um diese Kinder sorgen und Kinder können tatsächlich ja noch nicht die langfristigen Risiken abschätzen. Und deswegen brauchen sie erwachsene Bezugspersonen. denke, das ist bei digitalen Medien genauso, wie das in anderen Lebensbereichen der Fall ist. Gleichzeitig ist es aber so, dass Regeln nur immer dann gute Regeln sind, wenn sie auch wirklich von allen getragen werden. Und da, denke ich, ist es einfach wichtig, dass man guckt. Also wir können keine unrealistischen Regeln aufstellen, wenn ein Kind ganz arg dieses Bedürfnis hat. diese eine Sache zu sehen, weil es die Peer Group sagt, da müssen wir gucken, inwiefern können wir das tatsächlich auch mitgehen oder mittragen, wo müssen wir den Stopp einziehen. Das hilft uns nichts, wenn wir Regeln aufsetzen, die dann gebrochen werden oder die beispielsweise auch von außen auferlegt werden und die Fachkraft der Familie sagt macht das auf keinen Fall, auf keinen Fall, auf keinen Fall und es ist für die Familie total unmöglich, das durchzusetzen. Also da ist es, denke ich, wie in jedem Bereich, wo Regeln gemacht werden. Das Wichtigste ist, dass die Regeln von allen mitgetragen werden können und auch von den Kindern.
00:18:32: Jennie Cremer: Ich überlege die ganze Zeit. Wir sprechen immer über digitale Medien. Eigentlich müssen wir das auseinanderdifferenzieren. Man hört zum Beispiel häufig, das Kind sitzt den ganzen Tag vorm iPad oder Fernseher. Aber selten hört man das Kind den ganzen Tag ein Hörbuch oder eine Kassette oder ein Hörspiel. Ich glaube, das ist auch ganz wichtig. Wenn wir das formulieren. In welchem Alter, kann man sagen, fängt das überhaupt an mit den Medien? Wenn ich dann so darüber nachdenke, natürlich die digitalen Medien wie iPad und Fernsehen fangen wahrscheinlich wesentlich später an als zum Beispiel Hörspiele. Deswegen, kannst du da vielleicht noch mal was zu sagen?
00:19:11: Elisabeth Denzl: Also tatsächlich, wenn wir in aktuelle Studien gucken, aber auch ,denke ich, dass wir das alle so im Alltag mitbekommen, ist es eher so, dass tatsächlich auch schon sehr kleine Kinder mit digitalen Medien aufwachsen, konfrontiert sind und diese auch nutzen. Zum einen ganz aktiv nutzen, indem kleine Kinder auch einfach schon bestimmte Dinge konsumieren. Also das sehen wir zum Beispiel auch in der miniKIM-Studie. Ein Viertel der Kinder zwischen zwei und fünf Jahren nutzen Smartphones ein- oder mehrmals wöchentlich. Also das ist auf jeden Fall schon ein großes Thema auch für kleine Kinder. Und was man da auf jeden Fall auch mit berücksichtigen muss, ist, dass auch erwachsene Bezugspersonen, Eltern auch im Beisein von Kindern digitale Medien nutzen. Das heißt, Kinder sind auch passive Mediennutzer und insofern auch mit digitalen Medien konfrontiert. Deswegen ist digitale Mediennutzung schon von klein auf ein großes Thema und Medienbildung dementsprechend auch.
00:20:08: Jennie Cremer: Gibt es ein Alter, wo du sagen würdest, also im Kindesalter, da findest du es problematisch, wenn Kindern schon, mit zum Beispiel Handy hast du ja als Beispiel genannt, konfrontiert werden. Also, wenn die Eltern auf das Handy gucken, das ist die eine Sache oder eben wenn das Kind das Handy in die Hand bekommt. Das sind ja beides Themen über die man sprechen muss. Wir können auch gerne über beide sprechen, darfst du ja aussuchen, bei welchem der beiden Punkte du anfängst.
00:20:32: Philipp Bryant: Haha
00:20:35: Elisabeth Denzl: also es ist ganz spannend. Also es gibt sowohl politisch als auch wissenschaftlich immer wieder Bestrebungen, die tatsächlich so ein Stück weit so ein Medienverbot für Kinder unter drei Jahren fordern. Also tatsächlich kürzlich erst Karin Prien, die Bildungsministerin, hat dieses Medienverbot für Kinder unter drei Jahren wieder ins Spiel gebracht. Und in der wissenschaftlichen Community gibt es das schon sehr lange in unterschiedlichen Facetten, bildschirmfrei unter drei oder die ersten 1000 Tage bildschirmfrei. Also diese Bestrebung zu sagen, ganz kleine Kinder sollen noch keine Bildschirmmedien nutzen, die ist auf jeden Fall, würde ich sagen, sehr valide. und mittlerweile auch in unterschiedlichen Kontexten gibt es da einen Konsens. Und da würde ich auf jeden Fall schon auch mitgehen, dass wir eher auch in der Medienpädagogik und auch Sicht der Mediensuchtprävention versuchen müssen, kleine Kinder schlussendlich eher auch zu schützen und dann Stück für Stück in die Eigenverantwortung bringen. Also dann prinzipiell eher Schulkinder auch wirklich da den Umgang intensiv begleiten, unterstützen. und bei kleinen Kindern tendenziell da tatsächlich zu gucken. Weniger Bildschirmzeit ist mehr, mehr reale Zeit. Das habe ich vorher schon durch diese Zeitverdrängungshypothese erklärt. Und das macht aus entwicklungspsychologischer Sicht auf jeden Fall Sinn.
00:21:59: Philipp Bryant: Ja, es ist spannend, weil es jetzt mit dieser, es ist ja tatsächlich gerade sehr, aktuell mit Bildschirm frei unter drei, weil es ja diese Tendenzen auch so für ein Jugendalter gibt. Also wir erleben ja, wenn wir jetzt in internationalen Kontext gehen, zum Beispiel eine Gesetzgebung in unterschiedlichen Ländern rund über den Erdball verteilt, dass bestimmte digitale Medieninhalte verboten werden und deren Nutzung erst ab einem bestimmten Alter erlaubt werden soll, weil die Folgen offensichtlich Da weiß ich immer nicht, ob die Kausalitätskette richtig erforscht ist. Es schlicht nicht mein Gebiet. Aber weil ja schlicht angenommen wird, dass das eben negative Auswirkungen auch auf Entwicklungen im Jugendalter noch haben kann. Ich würde an der Stelle aber einmal kurz einen Break machen und Jenny, lass uns doch mal mit Lisa in die A oder B Ecke gehen und
00:22:53: Philipp Bryant: mal sie vor so ein paar Entscheidungen zu stellen. Lisa, wir wollen jetzt gerne dir immer zwei Begriffe nennen und du sollst dich, ohne viel zu überlegen und vor allen Dingen auch ohne Erklärung, für einen der beiden Begriffe entscheiden. Du kannst hinterher das gerne noch ausbauen, wenn das für dich nötig ist oder wichtig ist. Wie gesagt, überleg nicht zu lang und auch wenn aus deiner Sicht zum Beispiel so Gegenüberstellungen kommen, die fies sind, die nicht funktionieren. Dann weißt du uns vielleicht nur kurz darauf hin oder entscheidest dich einfach und erklärst uns später, warum das nicht geht. Jenny, leg mal gerne los, oder?
00:23:34: Jennie Cremer: Okay, mit was einfachem. Verbot oder Begleitung?
00:23:38: Elisabeth Denzl: So einfach ist es gar nicht. Begleitung!
00:23:40: Philipp Bryant: Also okay, dann würde ich jetzt gerne ganz kurz was zu sagen. Da würde ich gerne nämlich gleich noch mal drauf zurückkommen, wenn du sagst, so einfach ist das gar nicht, dann offensichtlich gibt es ja da was bei den Verboten, was sinnvoll ist.
00:23:50: Elisabeth Denzl: Ja, super gerne!
00:23:53: Philipp Bryant: Ich würde damit noch mal einen Aspekt aufnehmen, den wir gerade schon so bisschen getroffen haben. Wenn du an das Medienkonsumverhalten oder dessen Steuerung denkst, ist es eher kinderschutz- oder teilhaberorientiert.
00:24:05: Elisabeth Denzl: Ihr seid echt richtig herausfordernd. Ich würde sagen, ich muss hier meinen Joker nehmen. Also es muss beides zusammen gedacht werden. Mensch.
00:24:11: Philipp Bryant: Gut, okay, sehr gut. Okay, gut, dann ist er schon mal weg. Super. So, dann kannst du ja jetzt mit den schweren Fragen kommen, Jenny.
00:24:23: Jennie Cremer: Ich kann das anscheinend selber nicht so gut einschätzen. Also die nächste Frage lautet Kontrolle oder Vertrauen?
00:24:28: Elisabeth Denzl: Als Heilpädagogin würde ich immer Vertrauen wagen.
00:24:32: Philipp Bryant: Okay, jetzt sind wir wieder bei dieser Frage danach, wie machen wir das auch im Kontext von einer Fachkraftperspektive auf diese Medienpädagogik? Und dann sagst du, ist es eine pädagogische Haltung, in der ich begleite oder eine technische Lösung, die ich anbiete?
00:24:50: Elisabeth Denzl: Es ist immer eine pädagogische Haltung. denke, das ist ganz zentral.
00:24:51: Philipp Bryant: Okay,
00:24:54: Jennie Cremer: Elternberatung oder Kinderstärkung?
00:24:57: Elisabeth Denzl: Bei kleinen Kindern Elternberatung.
00:25:00: Philipp Bryant: Ist die Kindertagesstätte ein Schutzraum oder auch digitale Lebenswelt?
00:25:05: Elisabeth Denzl: Ich darf nicht mehr beides sagen, oder? Dann würde ich mich... und erkläre das später, würde ich mich jetzt für den Schutzraum entscheiden.
00:25:14: Jennie Cremer: Also jetzt eine, die ich persönlich schwierig finde. Problematisierung oder Entdramatisierung.
00:25:22: Elisabeth Denzl: Gibt's noch einen Joker?
00:25:24: Jennie Cremer: Fies, fies, fies.
00:25:26: Elisabeth Denzl: Mensch! ...ist beides nicht richtig. Ich denke... ...zu keinem Begriff kann ich mich zuverorten.
00:25:34: Philipp Bryant: Ja, okay. Genau. glaube auch. Ich glaube auch. Dann sind
00:25:34: Jennie Cremer: Ich glaub es ist okay, ja.
00:25:41: Philipp Bryant: wir jetzt mal durch. Nimm doch bitte den Ball direkt wieder auf. Du hast gesagt, Schutzraum, Kita oder digitale Lebenswelt, musst du, obwohl du dich für den Schutzraum entschieden hast, noch was erklären. Was wäre das?
00:25:52: Elisabeth Denzl: Ja, also prinzipiell ist es natürlich so, Kinder wachsen in einer digitalen Welt auf und die existiert und das ist auch wichtig, dass man das anerkennt. Also das ist total wichtig für diesen Rückschluss zu sagen, wenn Kinder digitale Erfahrungen machen, müssen wir das aufgreifen. Gleichzeitig ist es auch Aufgabe der Kita, dass wir Kinder vorbereiten auf die digitale Welt und im besten Falle auch Kinder wirklich so stark machen, dass sie dazu befähigt werden, die Chancen der digitalen Realität auch später zu nutzen. deswegen, Digitalität ist auf jeden Fall Teil von Kita und kann nicht ausgeklammert werden. Gleichzeitig ist es so, ich und da knüpfe ich jetzt an das an, was ich vorher schon gesagt habe, wichtig, dass erwachsene Bezugspersonen, gerade bei ganz kleinen Kindern, auch einfach schauen, was ist gut für Kinder, wie entwickeln sich Kinder gut. Und da ist es auch wichtig, Kindern natürlich einen Schutzraum zu bieten, im Allgemeinen, aber auch vor digitalen Risiken. Und das ist eine ganz, ganz zentrale Aufgabe von Kindertageseinrichtungen.
00:26:56: Philipp Bryant: Okay, und dann habe ich ja gesagt, da würde ich gerne noch mal was zu hören, weil du ja auch auf die Verbote oder den Verboten einen gewissen Raum offensichtlich einräumst. Kannst du da noch was zu erklären oder ein bisschen ausführen, warum das manchmal sinnvoll ist? Und vielleicht hast du auch so was wie ein ganz praktisches Beispiel, dass die Zuhörenden sich das dann auch irgendwie vorstellen können.
00:27:23: Medienregeln betreffen nicht nur Dass es schlussendlich auch einfach vielleicht einen Fokus gibt auf das was kann stattdessen gemacht werden. Vielleicht ist es nicht sinnvoll, das Kind den ganzen Tag FIFA zockt, aber da müssen wir vielleicht gar nicht zu den Fokus drauflegen, sondern können stattdessen sagen, okay, lass uns draußen Fußball spielen. Dann ist es vielleicht für das Kind auch einfach tatsächlich weniger ein Problem. Und Kinder können einfach bei manchen Dingen noch nicht die langfristigen Folgen abschätzen. Dafür brauchen sie eben auch einfach Erwachsene.
00:29:07: Philipp Bryant: Ja, also das kann ich total gut nachvollziehen. Jetzt erkenne ich mich über eben diese Arbeitskontexte ja auch damit aus, was gespielt wird bei so einem Spiel wie einem FIFA. Also das ist ja ein Fußballsimulator, wo man selber so ein digitales Männchen da auf dem Fußballplatz steuern kann und den Ball ins Tor schießt. Da kann ich das total nachvollziehen. Wenn ich jetzt aber an so ein Spiel wie Fortnite und so denke oder irgendwelche Ballerspiele. Da kann man dann ja nicht so was sagen wie, komm da gehen wir raus und spielen das mal draußen. Also da passt das dann schon nicht mehr. Da geht es dann ja offensichtlich irgendwie auch darum, dass man andere Anreize schaffen muss. Aber trotzdem danke ich dir, weil das ja nochmal sehr deutlich auch uns vor Augen führt, dass offensichtlich aus medienpädagogischen Sicht es ganz ganz wichtig ist anzuerkennen, dass ein Verbot manchmal angebracht ist und eben auch durchgesetzt werden muss. Du hast ja das Beispiel mit dem Straßenverkehr genannt, das fand ich total gut. Aber da haben wir natürlich auch schon eine jahrtausende lange Erfahrung, dass da vielleicht auch negative Konsequenzen drohen. Die haben wir ja im Umgang mit Digitalität nicht. Und das bringt mich zu so einer weiteren Frage oder einem Hinweis vielleicht eher. Meine Eltern haben mir erzählt, meine Großelterngeneration denen immer verboten hat, so viel Radio zu hören, weil das so schreckliche Auswirkungen hätte. Ja, und so sieht man doch genau, dass dieses Muster, in dem wir ja auch wieder gerade im Bezug auf die digitalen Medien vielleicht im Austausch mit der jüngeren Generation ringen, dass es das auch als Vorläufer mit dem Fernsehen davor mit dem Radio gegeben hat und dass offensichtlich ja da sowas wie eine Expertise eben auch immer erst entstehen muss, damit man weiß, wie man damit... adäquat umgeht.
00:30:57: Elisabeth Denzl: Auf jeden Fall. das ist gerade auch beim Thema Digitalität total zentral. Schlussendlich läuft die Forschung immer eigentlich gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Das Smartphone, wenn wir uns jetzt das angucken, gibt es glaube ich seit 2007, das ist für Forschung super, super kurz. Es gibt noch nicht so viele Langzeitstudien und immer wieder entwickeln sich neue Technologien. KI kommt dazu. dieses Phänomen der Technoference, also dieses Phänomen, dass Eltern eben im Beisein ihrer Kinder digitale Medien nutzen, das ist aus Forschungssicht noch ein relativ neues Phänomen, das es zu untersuchen gibt und insofern hast du natürlich Recht. Also da ist diese Begleitforschung immer so ein Stück hinterher und wir müssen so mit aller Voraussicht sagen, Mensch, welche Auswirkungen könnten denn bestimmte Veränderungen in unserem Leben auf die kindliche Entwicklung haben. Da ist die Frage, wie gehen wir damit Wir müssen ganz gut auf die Forschungsergebnisse gucken. Die sind im Moment schlussendlich auch teilweise noch mit Forschungslücken behaftet und manchmal auch echt sehr heterogen. Aber trotzdem müssen wir uns natürlich überlegen, wie möchten wir Kinder aktuell erziehen? Das ist eine Herausforderung, vor der wir alle stehen.
00:32:15: Philipp Bryant: Mh.
00:32:16: Jennie Cremer: Ja, hattest, Lisa, das eben ja noch mal formuliert, dass man das Ganze ein bisschen ganzheitlicher sehen muss. Also, nicht nur die Eltern in der Verantwortung stehen, sondern wir auch als pädagogische Fachkräfte. Was genau bedeutet das in unserem pädagogischen Alltag in der Zusammenarbeit mit Kindern? Vor allem, wenn man sich die Studienlage anguckt bei Kindern unter drei Jahren. Also, jeder hat in seinem eigenen Ermessen, was ist gut für mich oder für meine Kinder. Aber es gibt ja auch klare Fakten, die eben sagen, das ist nicht gut und... Wie müssen wir da eben als Pädagogen handeln? Wir hatten ja auch eben schon mal darüber gesprochen, Verbote, schwierig. Aber was können wir Eltern mit auf den Weg geben? Oder wie können wir mit Kindern in den Austausch gehen?
00:32:57: Elisabeth Denzl: Gerade aus Sicht von Pädagoginnen würde ich die Frage mal anders formulieren und nicht fragen, was ist nicht gut für Kinder, sondern wir Pädagoginnen und Pädagogen, gerade die Heilpädagoginnen beschäftigen sich so sehr mit der Frage, was ist eigentlich gut für Kinder. Und wenn wir da dran ansetzen, dann glaube ich, schon ganz, ganz viel gewonnen. Wir wissen, was ist gut für Kinder. Kinder brauchen stabile Bezugspersonen, Kinder brauchen realweltliche Erfahrungen, sensomotorische Integration ist gerade in den ersten Lebensjahren total zentral für die gesunde kindliche Entwicklung. Und ich glaube, wenn wir den Blick da drauf legen, dann haben wir ganz, ganz viele Handlungsoptionen schlussendlich. Weil dann wissen wir, was müssen wir tun und wo können wir vielleicht auch den Fokus drauflegen. Und dann gibt es da ganz viele Handlungsansätze.
00:33:40: Philipp Bryant: Das würde ich gerne noch ein bisschen aufgreifen, weil wir eingangs ins Gespräch gestartet sind mit so einer Hypothese, dass die Wahrnehmung von digitaler Mediennutzung in der öffentlichen Auseinandersetzung eher so bisschen problembehaftet erscheint. Gibt es denn zum Beispiel auch so etwas, was wir zumindest noch mal kurz thematisieren können, wo auch so etwas wie eine gute Entwicklungsbegleitung durch eine Unterstützung von Medien gelingen kann. Also ich kann mir nicht vorstellen, dass das so einseitig negativ ist, sondern da liegen doch sicherlich auch viele Möglichkeiten für uns.
00:34:17: eine App ganz viel mit Punkten, Leveln oder Ranglisten und das fördert zum Beispiel, ich nehme jetzt ein Beispiel, das räumliche Denkvermögen, dann ist das natürlich konnotiert mit einem positiven Effekt auf diesen speziellen kognitiven Aspekt, heißt aber nicht, dass es nicht auch negative Auswirkungen auf andere Entwicklungsbereiche geben kann. Also da müssen wir einfach auch da wieder so ein Stück weit differenzieren. Und ich weiß, wir hätten alle gerne einfache Antworten. Das ist bei einem komplexen Thema, gerade wie eben auch bei Medien, digitale Medien. Alles andere als einfach, weil ein komplexes Thema meistens auch wirklich leider komplexe Antworten mit sich bringt und gerade die Medienwirkungsforschung muss man da wirklich sehr differenziert auch betreiben.
00:35:46: Philipp Bryant: Aber ich würde sagen, dass sind wir als Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gewohnt, dass wir nicht mit operationalisierbaren Begriffen arbeiten müssen, dass wir Ambiguitäten aushalten müssen und dass es eben oftmals Spannungsfelder sind, in denen wir uns orientieren müssen. Und es scheint, wenn ich dich richtig verstehe, eben hier auch so zu sein, dass es deutlich ist, wenn ich zum Beispiel eine digitale Förderung, digital unterstützt, irgendetwas fördere, dass das für diesen Aspekt sehr gut sein kann. Für einen anderen Aspekt der kindlichen Entwicklung gleichzeitig aber wieder auch ein Entwicklungsrisiko bedeuten kann.
00:36:21: Elisabeth Denzl: Ja, und ich glaube, was da auf jeden Fall wichtig ist, und das ist die Kompetenz von Heilpädagoginnen ganz, ganz, ja, ganz, ganz herausgehoben, dass wir einfach auch wieder individuelle Aspekte berücksichtigen müssen. Also jedes Kind hat schlussendlich auch unterschiedliche biopsychosoziale Dispositionen, die es mitbringt. Und da müssen wir uns auch daran orientieren und schauen, sind denn bestimmte digitale Medien, bestimmte Apps, bestimmte assistive Technologien eher führen die eher zu mehr Chancen für dieses Kind in der Teilhabe, der Entwicklung oder eher zu Risiken. Also ich denke, ist am Ende schon auch die individuelle Abwägung nochmal auch ganz zentral.
00:37:02: Philipp Bryant: Wir haben bis jetzt ja eher auf Kinder in einem jüngeren Alter geschaut und wir wissen ja auch darum, Lisa, dass das deine Kernexpertise beschreibt. Kannst du aber aus deiner Perspektive bitte nochmal vielleicht eine Einschätzung oder einen Einblick uns geben, was du denkst, zum Beispiel welche Aufgaben in Bezug auf eine digitale Begleitung, zum Beispiel in Schule? auf uns zukommen oder wie die vielleicht auch anders aussehen, als wir das jetzt für Vorschul- und Kindergarten- und Kleinkindalter besprochen haben.
00:37:40: Elisabeth Denzl: Total gerne. wie du sagst, wir haben jetzt ganz viel gerade so über dieses Kita-Alter gesprochen und da würde ich aus Sicht von Mediensuchtprävention, aber auch aus Sicht der Medienpädagogik sagen, da greift so ein Stück weit schon auf dieses Konzept der Bewahrpädagogik, dass wir da praktisch wirklich ganz gut gucken müssen aus Sicht von erwachsenen Bezugspersonen, aus professioneller Sicht, was ist gut für Kinder und dass wir da eben Kindern ermöglichen realweltliche Erfahrungen zu... stabile Beziehungen aufzubauen und so weiter. Und im Schulalter schlussendlich ändert sich dieses Konzept. Also Bewahrpädagogik zieht sich nicht das ganze Leben durch, sondern da sagen wir, da müssen wir wirklich anfangen, auch Kindern tatsächlich in die Aktivität zu bringen und da Kinder wirklich auch viel begleiten und unterstützen in der Nutzung, der Erprobung, in dieser... produktionsorientierten Mediennutzung. Und da ist die zentrale Aufgabe von Fachkräften, aber auch von Familien, Kinder wirklich ganz viel zu unterstützen und zu begleiten. Gleichzeitig ist in dieser Altersstufe aus Mediensuchtpräventionssicht immer noch wichtig, dass wir Kinder im realen Leben auch stärken. Also dass wir auch da zum Schutz vor digitalen Risiken immer noch auch sagen, Kinder brauchen tragfähige Bezugspersonen. realweltliche Freizeitaktivitäten und so weiter. Also dass wir da auch immer noch wirklich so Kinder im realen Leben stärken und aber auch den Fokus, und das schließt sich nicht aus, auch wirklich auf die digitale Mediennutzung legen und gucken, dass Kinder auch wirklich einfach technische Kompetenzen erwerben, die sie einfach auch brauchen, langfristig in der digitalen Welt zu bestehen.
00:39:21: Philipp Bryant: Dann würde ich da gerne noch mal nachhaken. Kannst du bitte zu dem Begriff der digitalen Risiken noch kurz was sagen? Was kann ich mir darunter vorstellen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig assoziiere oder richtig verstehe.
00:39:34: Elisabeth Denzl: Also mit digitalen Medien gehen natürlich verschiedene Chancen einher, aber natürlich auch verschiedene Risiken. Und die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz, die hat einen Gefährdungsatlas herausgegeben, in der sie eben verschiedene Medienphänomene auflistet, die eben für Kinder und Jugendliche potenziell gefährdend sind. Und da werden beispielsweise Medienphänomene wie Cyber-Grooming, Cybermobbing, Hate Speech oder eben Algorithmen genannt, die eben potenziell ein bestimmtes Meinungsbild digitaler Medien filtern und eben Kindern gefiltert wiedergeben.
00:40:10: Philipp Bryant: Ja, Dankeschön.
00:40:11: Jennie Cremer: Ja, Lisa, ich weiß, dass du in deiner Arbeit und Forschung dich besonders mit dem Bereich Kindertagesstätten auseinandersetzt und da haben wir bislang ja noch nicht so intensiv drüber gesprochen. Vielleicht gibt es da noch was, was du unseren Zuhörenden gerne ans Herz legen würdest, wo du sagst, das ist ein bisschen untergegangen und das würde ich jetzt gerne noch mal aufrollen, das Thema. Ja, dann hast du jetzt die Möglichkeit.
00:40:31: Informatik, Medienkompetenz, Förderung, aber auch die Zusammenarbeit mit Eltern zu Medienthemen. Darüber haben wir jetzt auch ja schon teilweise gesprochen. Elternberatung, aber auch einfach das Aufgreifen von Medienerfahrungen von Kindern im Kita-Alltag. Also das sind so Beispiele, das sind auf jeden Fall ganz zentrale Aspekte von Medienbildung in Kita.
00:41:51: Philipp Bryant: Ich würde gerne noch eine Frage daran anschließen, weil wenn ich jetzt an zum Beispiel diejenigen Kolleginnen und Kollegen denke, die uns zuhören oder die vielleicht interessiert sind oder die auch vielleicht mit einer nicht unbedingt jetzt heilpädagogischen Expertise im Kontext Kindertagesstätte arbeiten, dann würde ich jetzt vielleicht ist das auch falsch und meine Annahme verrät ganz viel über mein Nichtwissen, aber dann würde ich erst mal denken, also Sowas lernt man ja in seiner Ausbildung jetzt nicht unbedingt zwingend, dass man da besonders gut aufgestellt ist. Hast du so etwas, was du vielleicht als gute Anlaufstellen benennen könntest für Informationssammlung oder gibt es etwas, wo du sagst, da kann man sich auch gut weiterbilden, ohne dass das jetzt eine Werbeveranstaltung werden soll Kannst du da unseren Zuhörenden Hinweise geben?
00:42:43: der GAIMH, also die Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Das ist ein Positionspapier einer Arbeitsgruppe eben dieser Gesellschaft, die sich mit dem Thema Medienwirkungsforschung und Empfehlungen Sicht verschiedener beschäftigt hat, beispielsweise Expertinnen aus medizinischem Bereich, Psychologie, Psychotherapie. Medienwirkungsforschung. Und wird ganz gut auch nochmal der aktuelle Stand der Medienwirkungsforschung zusammengefasst und auch immer die Perspektive der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit auch genannt. Also das wäre so eine Empfehlung, ich aussprechen würde. Und zum anderen kann ich auch gerne hinweisen auf das SESAM-Kartenset, das kürzlich veröffentlicht wurde, das auf Grundlage meiner Doktorarbeit entstanden ist. Und da geht es auch ganz viel Medienbildung eben in Kitas und da sehr operationalisiert aufbereitet, was bedeutet eigentlich Medienbildung in Kitas und wie kann das ganz konkret aussehen und konkret umgesetzt werden.
00:44:14: Philipp Bryant: Dankeschön.
00:44:15: Jennie Cremer: Ja, wir fragen unsere Gäste ja eigentlich immer noch, habt ihr irgendeinen Podcast, Musik, Film oder Buch, irgendeine Lektüre, die ihr weiterempfehlen könnt? Da hast du ja gerade schon ein paar Sachen gesagt. Vielleicht fällt dir noch was ein.
00:44:30: Elisabeth Denzl: Also ganz spontan als Münchnerin würde ich jetzt sagen, die Münchner Rapperin und Hip-Hopperin Fiva, ist immer auf jeden Fall ein Zuhören wert. Das ist eine, wie ich finde, ganz tolle Frau, die schön deutlich macht, auch dass Unsicherheiten ganz natürlich auch zum Leben gehören und einen stärker machen. wenn man dazu steht, auch einfach ganz, ganz bereichernd ist, also so würde ich das interpretieren und von dem her würde ich den Hörer:innen wärmstens empfehlen da mal rein zu hören.
00:45:03: Philipp Bryant: Sagst du den Namen nochmal? Stark.
00:45:05: Elisabeth Denzl: Fiva, Fiva MC.
00:45:09: Philipp Bryant: Super. Vielen Dank. Ich höre
00:45:11: Jennie Cremer: Vielen Dank.
00:45:11: Elisabeth Denzl: Vielen Dank euch auch.
00:45:12: Philipp Bryant: auf jeden Fall mal rein. Also ich bin zwar nicht weiblich, kenne mich aber mit Unsicherheiten auch aus. Und ich wollte gerade sagen,
00:45:18: Elisabeth Denzl: Jeder darf sie hören.
00:45:21: Philipp Bryant: das ist bestimmt kein Ausschlusskriterium, dass ich da nicht mal reinhören darf.
00:45:23: Elisabeth Denzl: Nein, auf keinen Fall.
00:45:25: Philipp Bryant: Ja, sehr gut.
00:45:26: Jennie Cremer: Ja, ich werde auch reinhören. Danke auf jeden Fall für den Tipp. Und jetzt wir schon am Ende unserer Folge angelangt. Vielen Dank, Lisa, für das offene und fachlich spannende Gespräch, für deine Einblicke in das Thema Medienkonsum und auch Mediensucht bei Kindern. Wir haben heute darüber gesprochen, welche Rolle Medien im Alltag von Kindern spielen, welche Risiken und Chancen mit Medienbezug verbunden sind und wie Eltern, Erzieherinnen und Heilpädagogen sowie andere Fachkräfte bei Kindern im Umgang mit Medien sie begleiten können. Wenn du Rückmeldungen, Anregungen oder Themenwünsche hast, schreib uns gerne per Mail an podcast@bhponline.de oder über den Instagram-Kanal des BHP. Vielen Dank fürs Zuhören und bis zur nächsten Folge von irgendwas mit Menschen. Tschüss!
00:46:11: Philipp Bryant: Ich freu mich auf euch, bis ganz bald. im Sinne eines MC, macht mal bisschen Lärm,